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Transformation mit Wertefundament – Ein Gespräch mit Professor Dr. Nils Goldschmidt

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13.02.2026

Seit einem Jahr leitet Professor Nils Goldschmidt das Weltethos-Institut. In Zeiten globaler Umbrüche, wirtschaftlicher Unsicherheiten und gesellschaftlicher Spannungen stellt sich die Frage: Welche Rolle kann ein wertebasiertes Wirtschaftsverständnis in Veränderungsprozessen spielen?

Welche Verantwortung tragen Unternehmen und Entscheidungsträger? Wie gelingt es, Verantwortung, Führung und Ethik zusammenzudenken? Welche Kompromisse braucht es dafür und welche Rolle spielt das Weltethos-Institut dabei als Forschungs-, Bildungs- und Dialogort? Darüber sprachen wir mit dem Ökonomen, Ethikrat-Mitglied und Direktor des Instituts.

Karl Schlecht Stiftung (KSG): Herr Goldschmidt, Sie sind nun seit einem Jahr Direktor des Weltethos-Instituts. Was hat sich aus Ihrer Sicht in dieser Zeit getan? Inwiefern haben sich die inhaltlichen Schwerpunkte am Weltethos-Institut verändert – etwa mit Blick auf Forschung und Bildung? Welche Impulse haben Sie gesetzt in der öffentlichen Debatte?

Nils Goldschmidt (NG): Aufbauend auf die gute Arbeit der vergangenen Jahre ist es mir ein zentrales Anliegen, das Weltethos-Institut im deutschsprachigen Raum als die führende Einrichtung an der Schnittstelle von Wirtschaft, Ethik und Gesellschaft klar zu profilieren. Im vergangenen Jahr ist es uns gelungen, diese Sichtbarkeit auch mittels intensiver Pressearbeit spürbar zu erhöhen. Dabei geht es nicht nur um die mediale Präsenz, sondern um inhaltliche Substanz. Deshalb haben wir die Forschung stärker fokussiert, um fundiert und regelmäßig zu aktuellen Debatten Stellung nehmen zu können. Mit einem neu aufgelegten Weltethos Young Researcher Fellowship-Programm werden Nachwuchswissenschaftlerinnen ab diesem Jahr für je zwei Monate mit ihren Forschungsideen unsere Arbeit bereichern. Das wollen wir systematisch ausbauen, auch um mit jungen Doktoranden und Postdocs die Dynamik im Institut zu stärken. Freilich bleiben auch weiterhin die universitäre Lehre und der Praxisdialog wichtige Bausteine unserer Arbeit.

„Wir brauchen gute Ideen und Reformansätze, die von einer breiten Öffentlichkeit mitgetragen werden. Ansonsten sind sie nutzlos“

Prof. Dr. Nils Goldschmidt

 

KSG: Professor Ulrich Hemel, Ihr Vorgänger, sprach in seiner Abschiedsrede von „Weltethos als konkrete Utopie“, Sie in Ihrer Antrittsvorlesung von Kompromissen. Was überwiegt bei Ihnen persönlich? Der Realismus oder der Idealismus? Gibt es dazwischen einen Kompromiss?

NG: Es geht aus meiner Sicht nicht um Realismus versus Idealismus, sondern um beides – aber mit Blick auf die Wirksamkeit. Armin Nassehi, der Münchner Soziologe und mein Kollege im Deutschen Ethikrat, hat es mit Blick auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse auf den folgenden Punkt gebracht: „Bei aller Dringlichkeit und allem Veränderungsdruck stehen nur die Mittel und Formen zur Verfügung, die auch wirklich zur Verfügung stehen.“ Was nutzen hehre Ziele, wenn sie gesellschaftlich oder in der Umsetzung nicht verfangen? Wir brauchen gute Ideen und Reformansätze, die von einer breiten Öffentlichkeit mitgetragen werden. Ansonsten sind sie nutzlos – oder schlimmer: sie rufen autoritäre Tendenzen hervor, um Ideen mit Macht durchzusetzen, wie wir es allenthalben beobachten können. Sicher, wir leben in einer Zeit multipler Krisen und radikaler Herausforderungen, aber wir dürfen unsere freiheitliche Ordnung nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen. Vielmehr gilt gerade jetzt: Radikale Probleme brauchen keine radikalen Lösungen, sondern eine Politik der Behutsamkeit, die für weite Teile der Gesellschaft nachvollziehbar ist.

KSG: In Ihrer Antrittsrede stellten Sie das Thema „Kompromissfähigkeit“ in den Mittelpunkt. Was hat Sie zu diesem Thema geführt – und wie wichtig ist Kompromissbereitschaft und Werteorientierung in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen?

NG: Gerade die angesprochenen Transformationsprozesse machen es deutlich: Wir brauchen einen gesellschaftlichen Interessenabgleich, der nicht spaltet, sondern die verschiedenen Sichtweisen und Bedürfnisse zusammenbringt. Der US-amerikanische Philosoph Martin Benjamin beschrieb, aus meiner Sicht zutreffend, den Kompromiss als „splitting the difference“, im Sinne von – nicht geometrisch verstanden – „sich auf halbem Wege treffen“. Kompromisse bedeuten für jede Seite immer auch einen Verlust. Aber – und dieser Punkt liegt mir sehr am Herzen und sollte in der Öffentlichkeit mehr Raum gewinnen: Kompromisse sind keine fehlerhaften Entscheidungen, sie sind unter den gegebenen Bedingungen im Hier und Jetzt die richtigen. Beim Kompromiss ist man bereit, auf den anderen zuzugehen. „Um des lieben Friedens willen“ – ein Gedanke, der nicht nur gut in die Zeit, sondern auch gut zur Weltethos-Idee passt.

In einer Zeit multipler Herausforderungen und Krisen brauchen wir Führungskräfte, die nicht durch Lautstärke oder Vereinfachung überzeugen, sondern durch Verlässlichkeit, Klarheit und das Vertrauen in eine gemeinsam gestaltbare Zukunft.

Prof. Dr. Nils Goldschmidt

KSG: Die Karl Schlecht Stiftung steht für Good Leadership. In unserem Format „3 Fragen an …“ haben wir Sie bereits gefragt, was Sie unter Good Leadership verstehen. (Link) Welche Kompetenzen und Eigenschaften braucht man Ihrer Meinung nach, um heute ein „Good Leader“ zu sein?

NG: Ich halte drei Dinge für entscheidend – und so habe ich es auch bei den „3 Fragen an ...“ umschrieben. Erstens: Urteils- und Entscheidungsfähigkeit – also die Fähigkeit, in komplexen Situationen differenziert und wertegeleitet zu entscheiden. Zweitens: Integrationskraft – Menschen, Meinungen und Interessen zusammenzubringen, ohne Vielfalt zu nivellieren. Drittens: Kommunikationskompetenz – eine Gesprächskultur fördern, die Klarheit, Verständigung und Zusammenhalt ermöglicht. In einer Zeit multipler Herausforderungen und Krisen brauchen wir Führungskräfte, die nicht durch Lautstärke oder Vereinfachung überzeugen, sondern durch Verlässlichkeit, Klarheit und das Vertrauen in eine gemeinsam gestaltbare Zukunft. Und konkret schätze ich Unternehmerinnen und Unternehmer, die auch öffentlich für die politische Mitte eintreten.

KSG: Das Weltethos-Ambassador-Programm richtet sich an Führungskräfte, die ihre Rolle als ethische Vorbilder aktiv gestalten und nachhaltige, wertebasierte Transformationsprozesse in ihren Organisationen initiieren möchten. Aktuell handelt es sich dabei um kompakte, eintägige Schulungen zur Vermittlung von umfangreichem Basis- und Orientierungswissen. Reicht Ihrer Meinung nach ein Tag, um die notwendige Veränderung zu bewirken und um den Herausforderungen der globalen Wirtschaft und Gesellschaft gerecht zu werden? Oder muss dem Weltethos-Ambassador-Programm künftig vielleicht mehr Zeit eingeräumt werden?

NG: Wir werden das Weltethos-Ambassador-Programm schrittweise erweitern und auffrischen. Schon in diesem Jahr – unsere nächste Schulung ist am 26./27. März (eine Anmeldung ist noch möglich) – gibt es zwei wesentliche Neuerungen: Wir werden bereits vorab Materialien zur Vorbereitung an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer senden, um dann direkt und grundlegend informiert in den Austausch über gute und wertegeleitete Führung eintreten zu können. Zudem werden wir uns schon am Vorabend des eigentlichen Schulungstags zum informellen Austausch treffen, um den Netzwerkcharakter des Ambassador Programms zu stärken.

Es geht uns nicht nur um einen einmaligen Termin, sondern darum, die Weltethos Community systematisch zu erweitern und dauerhaft über relevante Fragen im Gespräch zu bleiben. Darüber hinaus werden wir in Zusammenarbeit mit erfahrenen Ambassadors aus der Praxis die Möglichkeit schaffen, in einen längerfristigen Prozess der Führungs- und Unternehmensentwicklung einzutreten, der von der Weltethos-Idee inspiriert ist.

KSG: Wie erleben Sie das Interesse jüngerer Führungskräfte an Themen wie Ethik, Gemeinwohl und sozialer Verantwortung? Beobachten Sie hier ein Umdenken?

NG: Ich würde nicht von einem Umdenken sprechen. Ob jung oder alt, viele Unternehmerinnen und Unternehmer sind sich ihrer sozialen, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung durchaus bewusst. Wir haben in gewisser Weise in der Öffentlichkeit ein Wahrnehmungsproblem: Führungskräfte sind selten schlicht kaltherzige Kapitalisten, sondern viele von ihnen sehen ihr Unternehmen als einen sozialen Lernort für Toleranz und gegenseitige Anerkennung. Und das ist klug: Unternehmen, die ein gutes und friedvolles Miteinander pflegen, sind in der Regel produktiver. Und viele sind auch Akteure im gesellschaftlichen Raum. Mein zwölfjähriger Sohn, ein begeisterter Fußballer, profitiert regelmäßig davon. Man denke nur daran, wie viele Trikotsätze von lokalen, oft kleinen Betrieben gesponsert werden.

Aber natürlich haben Sie auch Recht: Viele jüngere Führungskräfte fragen heute bewusster, wie sie ihr unternehmerisches Handeln mit Blick auf die Herausforderungen der Gegenwart reflektiert und wertegeleitet ausrichten können, als früher der Fall war. Nebenbei bemerkt: Ich mag den etwas altmodischen Begriff „Gemeinwohl“. Er verweist auf die Bedingungen des gesellschaftlichen Miteinanders, die Einzelnen wie Gruppen das Zusammenleben erleichtern und gemeinsame Möglichkeiten für das Erreichen von Lebenszielen eröffnen. Auch das ist ein zentrales Weltethos-Motiv.

KSG: In Ihrer Antrittsrede im November bezeichneten Sie die Soziale Marktwirtschaft als Friedensformel. Können Sie uns diese Formel in wenigen Sätzen erklären? Und welchen Bezug gibt es hier zu Weltethos?

NG: Ein gutes Leben, sozial eingebettet und verwoben mit der Gesellschaft, bedeutet auch, dass die Gesellschaft selbst den Raum für ein gelingendes Miteinander bieten muss. Alfred Müller-Armack, dem wir den Begriff der Sozialen Marktwirtschaft verdanken und der im Bundeswirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard das Gesicht der jungen Bundesrepublik mitprägte, sprach in diesem Zusammenhang von „sozialer Irenik“. Abgeleitet vom griechischen Begriff für Frieden meint er damit nicht nur die Versöhnung von wirtschaftlicher Effizienz und sozialer Sicherung in der Sozialen Marktwirtschaft, sondern zugleich die Versöhnung unterschiedlicher –auch ethischer –Vorstellungen innerhalb der Gesellschaft – als Voraussetzung für eine positive wirtschaftliche Entwicklung. Das geschieht durchaus im Sinne von Kompromissen, wie ich es oben erläutert habe. Zu einer zukunftsfähigen Sozialen Marktwirtschaft, die sich dem sozialen Miteinander verpflichtet weiß, gehört auch die Anerkennung verschiedener Deutungsmuster derselben Lebenswelt – „um des lieben Friedens willen“.

Auch das Projekt Weltethos war für Hans Küng stets ein Friedensprojekt. In seinen wirtschaftsethischen Überlegungen wird der Schulterschluss mit der Sozialen Marktwirtschaft deutlich. In seinem Buch „Anständig wirtschaften“ aus dem Jahr 2010 spricht er ausdrücklich von der Sozialen Marktwirtschaft als einer Friedens-, als einer irenischen Formel.

 

„Doch sowohl für Good Leadership wie auch für das Soziale der Sozialen Marktwirtschaft gilt: Diese Dynamik darf nicht ziellos sein und sich auch nicht allein am wirtschaftlichen Erfolg orientieren. Ihr gemeinsamer Maßstab ist das gute Leben des Menschen – im Unternehmen wie in der Gesellschaft.“ 

Prof. Dr. Nils Goldschmidt

KSG: Sie setzen sich für eine faire Gestaltung von Märkten ein. Lässt sich der Gedanke von Good Leadership und Weltethos mit der Sozialen Marktwirtschaft in Einklang bringen?

NG: Davon bin ich überzeugt. Die Soziale Marktwirtschaft ist zunächst eine Marktwirtschaft. Erfolgreiche Marktwirtschaften brauchen findige, kreative Unternehmerinnen und Unternehmer, die – um mit dem berühmten österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter zu sprechen – „außerhalb der gewohnten Fahrrinne navigieren“. Unternehmerisches Handeln befördert Innovationen, die die Dynamik moderner Gesellschaften antreiben.

Doch sowohl für Good Leadership wie auch für das Soziale der Sozialen Marktwirtschaft gilt: Diese Dynamik darf nicht ziellos sein und sich auch nicht allein am wirtschaftlichen Erfolg orientieren. Ihr gemeinsamer Maßstab ist das gute Leben des Menschen – im Unternehmen wie in der Gesellschaft. Wirtschaft ist für den Menschen da – nicht umgekehrt. In dieser Perspektive berühren sich gute Führung, die Soziale Marktwirtschaft und Küngs Projekt Weltethos im gemeinsamen Grundprinzip der Humanität.

KSG: Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach der Faktor „Vertrauen“ in Veränderungsprozessen – sowohl in Unternehmen als auch in der Gesellschaft?

NG: Vertrauen ist eine zentrale Ressource. Die Arbeiten von Geert Hofstede („Culture’s Consequences“, 1980) und Francis Fukuyama („Trust“, 1995) in den 1980er- und 1990er-Jahren haben das schon früh für Unternehmen und für die Gesellschaft deutlich gemacht. Für die Gegenwart scheint es mir entscheidend, von Vertrauen eine Linie zum gesellschaftlichen Zusammenhalt zu ziehen. Vertraue ich dem anderen, vertraue ich dem Staat und vertraue ich in seine Legitimität, dann wird dies substanziell den gesellschaftlichen Zusammenhalt befördern. Und das ist keine Sozialromantik, sondern hat handfeste ökonomische Konsequenzen. Wir haben vor Kurzem eine empirische Analyse für 171 Länder vorgelegt, in der wir zeigen können, dass sich gesellschaftlicher Zusammenhalt und wirtschaftlicher Erfolg gegenseitig bedingen. Wir finden eine hohe Korrelation. Deutschland schneidet da übrigens in beiden Bereichen relativ gut ab und zeigt sich im Zeitablauf als vergleichsweise stabil.

KSG: Was würden Sie Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Gesellschaft mit auf den Weg geben, um ethische Prinzipien stärker in Veränderungsprozesse zu integrieren?

NG: Macht es einfach! Es lohnt sich – individuell wie gesellschaftlich. Eine reflektierte Werteorientierung ist ein wesentlicher Baustein für ein gutes Leben, gerade in Zeiten der Veränderung und Verunsicherung.

Wir sagen herzlichen Dank für das Interview und freuen uns auf die Zusammenarbeit.