Interview mit Dr. Bernd Villhauer, Senior Advisor Finance beim Weltethos Institut, über Ethik in der Ökonomie.
Die Karl Schlecht Stiftung engagiert sich seit vielen Jahren dafür, wirtschaftliche Kompetenz mit werteorientiertem Denken zu verbinden. Denn wirtschaftlicher Erfolg und ethisches Handeln werden häufig noch als Gegensätze wahrgenommen oder zumindest als schwieriges Spannungsverhältnis. Wer wirtschaftlich erfolgreich ist, so ein verbreiteter Gedanke, tut dies oftmals auf Kosten anderer oder der Umwelt.
Eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Verantwortung zusammenführt, braucht jedoch ein stabiles Wertefundament. Ein wichtiger Partner in diesem Diskurs ist das Weltethos-Institut (WEIT) in Tübingen, das von der Stiftung langfristig gefördert wird. Dort wirkte der Finanzethiker Dr. Bernd Villhauer viele Jahre als Geschäftsführer und ist heute als Senior Financial Advisor tätig. Dr. Sofia Delgado sprach mit ihm über Geldkultur, verantwortungsvolle Finanzpraxis und die Frage, warum ökonomische Bildung, gerade im Zusammenspiel mit ethischen Perspektiven, heute wichtiger ist denn je.
KSG: „Herr Villhauer, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Finanzethik. Was hat Sie ursprünglich dazu bewegt, sich intensiv mit der moralischen Dimension wirtschaftlichen Handelns auseinanderzusetzen?“
Dr. Bernd Villhauer (BV): „Meine persönliche Erfahrung. Wir sind alle auch Teil der Wirtschaft, als Arbeitnehmer oder Unternehmerinnen, als Konsumentinnen oder Steuerzahler, passiv und aktiv. Daher hatte ich schon immer das Gefühl, dass wir auch darüber nachdenken sollten, was gut und was schlecht ist im ökonomischen Alltag.“
KSG: „Moral und Wirtschaft, passt das zusammen? Wie können wirtschaftliches Handeln und moralische Verantwortung in der Praxis miteinander verbunden werden?“
BV: „Ich finde, da gibt es viele Verbindungslinien. Denken Sie an das Geld: es ist nur etwas wert, wenn Menschen darauf vertrauen, dass es etwas wert ist. Eine Währung, die niemand akzeptiert, ist nutzlos. Vertrauen ist ein Grundelement wirtschaftlichen Handelns. Und wenn wir moralische Verantwortung übernehmen, dann schaffen wir Vertrauen. Märkte funktionieren nur, wenn es außer den Gesetzen oder ökonomischen Zwängen noch ein moralisches Fundament gibt.“
KSG: „Sie betonen häufig, dass ethische Sorgfalt nicht bei der Einhaltung von Regeln endet. Welche Kriterien sollten aus Ihrer Sicht herangezogen werden, um finanzielle Entscheidungen im Spannungsfeld zwischen ökonomischer Rationalität und moralischer Verantwortung zu bewerten? Welche gelten für das Weltethos Institut?“
BV: „Mit Geld bzw. mit Investitionen bewegen wir etwas in der Lebenswirklichkeit von Menschen. Das sind eben nicht nur abstrakte Zahlen oder mathematische Modelle. Deswegen müssen wir unsere Kriterien aus diesen Auswirkungen auf Menschen oder auf die Natur ableiten. Ist es lebensdienlich? Gefährdet es womöglich jetzt oder zukünftig existierende Menschen? Natürlich muss das alles im Rahmen einer funktionierenden Wirtschaft gefragt werden. Im Weltethos-Institut interessiert uns exakt diese praktische Auswirkung und wir versuchen, Werteorientierung mit ökonomischem Erfolg zusammenzudenken. Wir verstehen Ethik als Innovationsmotor für gute wirtschaftliche Entwicklung.“
Es ist ein schillernder und vielfältiger Begriff – denn „Vermögen“ umfasst mehr als nur unser Bankkonto. Es ist die Fülle der Lebenschancen und Entwicklungsmöglichkeiten, die wir haben.
Dr. Bernd Villhauer
© Bild: Laura Winter / WEITKSG: „In Ihrem Buch „Vermögen“ gehen Sie der Frage nach, was Vermögen eigentlich bedeutet. Warum lohnt es sich, diesen Begriff über rein ökonomische Kategorien hinaus zu betrachten?“
BV: „Es ist ein schillernder und vielfältiger Begriff – denn „Vermögen“ umfasst mehr als nur unser Bankkonto. Es ist die Fülle der Lebenschancen und Entwicklungsmöglichkeiten, die wir haben. Denken Sie an eine gute Ausbildung, an Wissen und Bildung oder auch an soziale Netzwerke, Freunde und Familie… Es ist richtig und wichtig, das materielle Vermögen aufzubauen (und dazu gebe ich in dem Buch ja auch Hinweise), aber wir sollten nie vergessen, wozu wir eigentlich finanzielle und andere Vermögen schaffen. Fragt man vermögende Menschen, wozu sie reich sein wollen, dann hört man immer wieder, dass sie z.B. frei sein möchten, ihre Kinder unterstützen oder Innovationen ermöglichen. Es gibt eine große Vielzahl von Lebensmöglichkeiten, die uns durch Vermögen erschlossen werden.“
KSG: „Die Karl Schlecht Stiftung engagiert sich gemeinsam mit Partnern wie dem Bündnis für Ökonomische Bildung oder der PwC-Stiftung dafür, die ethischen Dimensionen wirtschaftlichen Handelns (verlinken mit den Wirtschaftsforschern) schon in der Schule zu stärken. Braucht eine verantwortungsvolle Geldkultur auch eine neue Form der ökonomischen Bildung?“
BV: „Auf jeden Fall! Ich engagiere mich sehr im Bereich „Financial Literacy“, mache auch regelmäßig Seminare dazu. Und ich warne immer wieder davor, darunter nur technisches Wissen oder bessere Renditestrategien zu verstehen. Gute Finanzbildung bewegt sich zwischen den Polen „Autonomie“ und „Solidarität“ – das bedeutet, eine gute Sorge um sich selbst soll in einem sozialen Rahmen, also unter Berücksichtigung der Interessen anderer Menschen, stattfinden. Beides ist wichtig. Damit bilden wir ein Grundprinzip der Sozialen Marktwirtschaft in der finanziellen Bildung ab.“
„Du hast viele Chancen, in Deinem Leben alle Arten von Vermögen, soziales, kulturelles und finanzielles, aufzubauen – wenn Du selbst den Mut findest, Verantwortung zu übernehmen!“
Dr. Bernd Villhauer
© Bild: Villhauer / WEITKSG: „Wir sind als Stiftung Mitglied im Bündnis Ökonomische Bildung. Aus Ihrer Sicht: Wo muss ökonomische Bildung konkret ansetzen, um langfristig verantwortungsbewusstes wirtschaftliches Handeln zu fördern? Reicht die Schule als Ausgangspunkt aus, oder braucht es ein stärker verzahntes Zusammenspiel von Bildungsinstitutionen, Stiftungen, Wirtschaft und Gesellschaft?“
BV: „Meiner Erfahrung nach werden die Grundlagen für ökonomische Bildung wesentlich im Elternhaus geschaffen. Also die Bildung der Eltern nicht vergessen! Und dann würde ich es so konkret und anschaulich wie möglich in den jeweiligen Arbeits- und Ausbildungskontexten verankern, immer mit der Frage: Welche Kompetenzen benötigst Du in Deiner Situation? Wichtig ist, dass wir die Ängste und Bedenken in diesem Bereich ernst nehmen. Es gibt immer den Lobby-Verdacht („Finanzielle Bildung nützt nur der Finanzbranche, weil wir dann noch mehr nutzlose Anlageprodukte kaufen“). Dem kann man mit guten Argumenten und umfassend gedachten Programmen entgegentreten. Natürlich ist das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – denn die gesamte Gesellschaft leidet auch darunter, wenn es bei der ökonomischen Bildung hapert.“
KSG: „Wenn Sie jungen Menschen heute einen zentralen Gedanken mitgeben könnten, der ihren Umgang mit Geld und Vermögen prägt, welcher wäre das?“
BV: „Lass Dir keine Angst machen! Du hast viele Chancen, in Deinem Leben alle Arten von Vermögen, soziales, kulturelles und finanzielles, aufzubauen – wenn Du selbst den Mut findest, Verantwortung zu übernehmen!“
KSG: „Das ist ein tolles Schlusswort. Vielen Dank für das Interview!“
Das Interview führte Dr. Sofia Delgado.