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Bildungsprozesse neu denken

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09.12.2025

Gesellschaftlicher Wandel macht vor der Schule nicht Halt. Ob Digitalisierung, Migration, Wertewandel oder der zunehmende Fachkräftemangel – die Anforderungen an Bildungseinrichtungen sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

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Schulen stehen heute nicht nur vor der Aufgabe, Wissen zu vermitteln, sondern müssen junge Menschen auch auf eine komplexe, sich stetig wandelnde Welt vorbereiten. Frank Henssler als Senior-Referent Bildung bei der KSG unter anderem für Projekte im Bereich Schulbildung, Schulentwicklung und kulturelle Bildung zuständig. Sein besonderes Interesse gilt innovativen Lehr‐Lernformaten wie z.B. Forschendes Lernen und „Learning through the arts“ sowie der Schul- und Unterrichtsentwicklung. Er begleitet unter anderem Programme wie „Lernen durch Engagement“ (LdE)“ oder „Kulturschule Baden-Württemberg“ oder die „Schülerlabore". Im Gespräch erklärt er, wie Transformation in der Schule konkret aussehen kann, welche Impulse aus der kulturellen Bildung heraus entstehen – und warum Schulentwicklung heute auch eine Frage der Haltung ist.

„So muss handlungsorientierter Unterricht ...stärker in den Fokus pädagogischen Handelns rücken.“

Frank Henssler
Senior-Referent Bildung KSG

KSG: „Wird Schule in ihrer heutigen Form aus Ihrer Sicht noch den Bedürfnissen und Lebensrealitäten der Generation Z gerecht – oder braucht es ein grundsätzliches Umdenken im Bildungssystem?“

Frank Henssler (FH): „Die Gen Z blickt sorgen- und angstvoller in die Zukunft als die Generationen zuvor. Psychische Belastungen sind unter den Jugendlichen weit verbreitet. Hier ist Schule gefordert, ihre Schüler im Umgang mit Ungewissheit, Ambiguität und Belastungen, also in ihrer resilienten Entwicklung, zu stärken. Die Gen Z ist aber auch, was die Mitsprache und das Mitwirken in Schule und Unterricht anbelangt, anspruchsvoller geworden. Sie möchte eine aktivere Rolle in ihrem eigenen Lernprozess einnehmen. Dem muss Schule künftig mehr gerecht werden. So muss handlungsorientierter Unterricht, wie z.B. projektorientiertes, forschendes Lernen oder Lernen durch Engagement in dem herausfordernde Probleme aus der Lebenswelt der Schüler bewältigt werden, stärker in den Fokus pädagogischen Handelns rücken.“

KSG: „Im Zusammenhang mit Transformation ist häufig von sogenannten „Future Skills“ die Rede – also Kompetenzen, die künftig besonders gefragt sein werden. Welche dieser Fähigkeiten sollten Ihrer Meinung nach verstärkt in der Schule vermittelt werden?“ 

FH: „Andreas Schleicher, Direktor für Bildung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), sagte einmal (Zitat): „Die Welt belohnt uns nicht mehr für das, was wir wissen, Google weiß alles, die Welt belohnt uns für das, was wir mit unserem Wissen tun können.“ In der Schule der Zukunft geht es nicht mehr alleine um die Vermittlung von Wissen, Zahlen und Fakten. Es geht vielmehr darum, den Fokus auf den Erwerb überfachlicher Kompetenzen zu richten, die es jungen Menschen erlauben mit Unstetigkeiten, Mehrdeutigkeiten, Komplexitäten und Unsicherheiten in einer Welt der Digitalität umzugehen. In diesem Zusammenhang haben die von OECD formulierten, sogenannten „4K“, Kommunikation, Kollaboration, kritisches Denken und Kreativität, eine große Popularität erlangt. Diese 4K verstehen sich als Merkmale zur Weiterentwicklung des Unterrichts und darüberhinausgehender schulischer Lehr-/Lernprozesse.“

 

Das Future-Skills-Framework von Stifterverband und McKinsey & Company

KSG: „Neue Kompetenzen zu vermitteln, ist das eine – doch ebenso zentral ist die Frage, wie sich Schule als Organisation und Lernumgebung verändern muss, um den gesellschaftlichen Realitäten unserer Zeit gerecht zu werden. Welche Veränderungen sind aus Ihrer Sicht notwendig, damit Schule nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Zukunft gestaltet?“

FH: „Damit Schule eine neue Lehr- und Lernkultur entwickeln und zukunftsrelevante Kompetenzen nachhaltig fördern kann, muss sie – so formulieren es die beiden Bildungswissenschaftlerinnen Prof. Dr. Anne Sliwka und Prof. Dr. Britta Klopsch – ihre „Grammatik“, also ihre innere Logik, grundlegend verändern. So ist Schule z.B. noch stark davon geprägt, dass Schüler in vorgegebenen Klassengrößen, in einem Klassenzimmer, im 45-Minuten-Takt und in Fächer getrennt lernen. Will man diese „Grammatik“ verändern und innovative Lehr-Lernformen gestalten, braucht es das Engagement aller an Bildung beteiligter Akteure. Es braucht die systematische Kollaboration nicht nur zwischen den Lehrkräften und Schulleitungen, sondern auch mit der Schulaufsicht und Schulverwaltung sowie die Vernetzung der Schulen untereinander. Ebenso ist es hilfreich, wenn sich „bottom-up“ -und „top-down“­ Strategien miteinander verschränken, dass also Schulen die Möglichkeit haben, eigene Ideen zu entwickeln, die durch entsprechende Rahmenbedingungen seitens der Bildungspolitik abgesichert sind.“

KSG: „Transformation in der Schule ist nicht nur eine Frage von Strukturen und Methoden, sondern auch eine Frage der Haltung. Welche Bedeutung messen Sie der inneren Haltung von Lehrkräften und Schulleitungen bei – insbesondere im Umgang mit Veränderung, Vielfalt und Unsicherheit. Wie erleben Sie die Bereitschaft von Lehrkräften und Schulleitungen, sich auf Veränderung einzulassen? Wo hakt es momentan noch?“

FH: „Die Haltung von Lehrkräften und Schulleitungen ist ganz entscheidend, wenn es um Veränderungsprozesse in Schulen geht. Gerade aber diese ist am schwersten zu verändern und braucht Zeit. Es geht darum, eine Vision für die Entwicklung von Schule und Unterricht zu haben und zu versuchen möglichst alle im Kollegium mitzunehmen. Es geht um das Denken an Möglichkeiten und nicht an Begrenzungen. Eine agile Haltung einzunehmen halte ich ebenso wichtig, was auch die Führung in geteilten Verantwortlichkeiten meint und bedeutet, auch Lehrkräfte in ihrer Rolle als Entwickler (Change Maker) anzusprechen und zu stärken. Es gibt schon viele Schulen, die sich hier auf den Weg aufgemacht haben, ihre Lehr-, Lernkultur nachhaltig zu transformieren. Soll dieser Wandel aber in der Breite gelingen, braucht es mehr Mut und Offenheit auf allen Ebenen im schulischen Bildungssystem.“

„Wir wissen, dass kulturelle Bildung an Schulen ein ganzes Bündel wichtiger Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen fördert, um diese für die Unplanbarkeiten der Zukunft auszustatten.“

Kulturschule Fritz-Boehle GWS
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LdE Am Otto Hahn Gymnasium Nellingen
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Deutsches Lehrkräfteforum
Wirtschafts.Forscher! Regio Summit 2025
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KSG: „Ein Schwerpunkt der Arbeit der KSG liegt auf der kulturellen Bildung. Welches Potenzial steckt Ihrer Ansicht nach in kreativen Formaten, um Schulen zukunftsfähig zu gestalten?“

FH: „Wir wissen, dass kulturelle Bildung an Schulen ein ganzes Bündel wichtiger Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen fördert, um diese für die Unplanbarkeiten der Zukunft auszustatten. Die wissenschaftliche Begleitung unseres damaligen Modellprojekts Kulturschule ergab zudem, dass Schüler in Kulturschulen sich ihrer Identität wahrgenommen sowie in ihrem Wohlbefinden (Well-Being) und in ihrer Kreativität gestärkt fühlen. Ein Aspekt, der besonders bemerkenswert ist, da deutsche Schüler, was das kreative Denken betrifft, laut PISA im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld liegen. Mit ihrer positiven Schulkultur schaffen Kulturschulen lernförderliche Haltungen sowohl bei Lehrkräften und Schülern, was wiederum positiven Einfluss auf die Lernleistungen der Schüler hat.“

KSG: „Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit externen Partnern, etwa aus Kunst, Kultur oder Wissenschaft, in den geförderten Projekten?“

FH: „Die Öffnung von Schule nach außen ist inzwischen ein allgemein erklärtes Ziel und spielt eine wichtige Rolle. So verfügt z.B. im Kontext der Berufsorientierung mittlerweile nahezu jede allgemeinbildende weiterführende Schule in Baden-Württemberg über mindestens eine Bildungspartnerschaft mit einem Unternehmen/Betrieb. Auch bei den Kulturschulen werden systematisch Kultureinrichtungen und Kulturschaffende in die kulturelle Schul- und Unterrichtsentwicklung einbezogen. Gemeinsam werden z.B. Unterrichtselemente vorbereitet, die Aspekte beider „Welten“ - Schule und Kunst/Kultur - vereinen, oder es findet außerschulisch Unterricht z.B. in Kunstschulen, Ateliers und Theatern statt. Bei dem von uns geförderten Programm „Lernen durch Engagement (LdE)“ ist die Öffnung der Schule in den Sozialraum überdies ein zentrales Qualitätsmerkmal. Schüler verbinden ihr fachliches Lernen im Unterricht mit praktischem Engagement, z.B. in einer Kita, einem Pflegeheim, einem Umweltschutzverein oder für Menschen mit Fluchterfahrung. Sie entdecken dadurch anderer Lernorte, Lebensweisen und neue Perspektiven.“

KSG: „Gibt es ein konkretes Beispiel aus einem der KSG-Projekte, das besonders deutlich zeigt, wie Transformation in Schule gelingen kann?“

FH: „Ja, ich sehe die im Landesprogramm Kulturschule Baden-Württemberg teilnehmenden Schulen insgesamt auf einem schon fortgeschrittenen Weg der Transformation ihrer Schulkultur durch kulturell-ästhetische Bildung. Doch viele kleine Schritt sind hier hilfreich auf dem Weg zur Transformation. Auch die Schulen, die die am Projekt „Lernen durch Engagement“ teilnehmen oder die Lehrkräfte, die sich im Projekt „Deutsches Lehrkräfteforum“ engagieren, zeigen wie viel sich hier tut und daß sich die Bilungs- und Schullandschaft verändert – wenn auch langsam. Und auch unsere Themenkampagne Führung + X, in der sich Studierende der Pädagogik im kreativen Format Videoclips mit dem Thema Führung und Führungskompetenzen auseinandersetzen, trägt dazu bei, dass Lehrkräfte ihre Rolle auch einmal aus dem Blickwinkel der Führung betrachten und eine neue Haltung entwickeln können.“