Ein Gespräch mit Friederike Geisler-Enke, Projektmanagerin des Opernkinderorchesters an der Staatsoper Unter den Linden, Berlin.
© Bild: privatEine leichte Unruhe liegt im Saal, dann hebt sich der Taktstock. Für einen kurzen Moment ist es vollkommen still. Auf der großen Bühne der Staatsoper „Unter den Linden“ in Berlin sitzen Kinder, konzentriert, fokussiert, ihre Instrumente fest im Blick. Der erste Ton erklingt noch vorsichtig, dann zunehmend getragen von gemeinsamer Sicherheit. Was folgt, ist ein klassisches Konzert, das den Raum füllt.
Die jungen Musikerinnen und Musiker des Opernkinderorchesters bewegen sich in einem Umfeld, das sonst professionellen Ensembles vorbehalten ist. Hier, zwischen Probenarbeit und Aufführung, erleben sie nicht nur Musik auf hohem Niveau, sondern auch, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen, aufeinander zu hören und Teil eines größeren Ganzen zu sein. Das von der Karl Schlecht Stiftung, der Heinz und Heide Dürr Stiftung und weiteren Unterstützern geförderte Projekt verbindet musikalische Förderung mit Persönlichkeitsentwicklung. Gemeinsam mit Berliner Musikschulen eröffnet es Kindern frühzeitig Zugang zur Welt der Oper und schafft einen Erfahrungsraum, der weit über das Musikalische hinausreicht.
Im Gespräch gibt Friederike Geisler-Enke Einblicke in die pädagogische Arbeit, die organisatorischen Herausforderungen und die Wirkung eines Projekts, das jungen Menschen früh Zugang zu kultureller Bildung auf hohem Niveau ermöglicht.
© Bild: Peter Adamik, Staatsoper Unter den LindenKSG: „Frau Geisler-Enke, Sie koordinieren das Opernkinderorchester Berlin. Wie lässt sich Ihre Rolle im Projekt konkret beschreiben?“
Friederike Geisle-Enke (FGE):„ Meine Rolle ist in aller erster Linie, das Orchester mit all seinen Belangen und allem was die jungen Musiker*innen im Orchester für eine gute musikalische (Zusammen-) Arbeit benötigen, zu managen. Ich sehe mich darüber hinaus aber vor allem auch als eine Art Vermittlerin zwischen den Kindern, den Mentor*innen, die mit den Kindern eine Spielzeit lang arbeiten und üben, dem künstlerischen Leiter des Orchesters Giuseppe Mentuccia und auch dem Haus, der Staatsoper, dessen (Infra-)Strukturen wir nutzen dürfen. In diese Strukturen müssen wir uns als Orchester miteinfügen und hierin besteht die Herausforderung das Opernkinderochester als eigenständiges Projekt zu koordinieren und sich dabei aber in das Geschehen des Hauses einzugliedern.“
KSG: „Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den Kindern im Alter von sieben bis dreizehn Jahren? Wie gehen Sie bspw. mit unterschiedlichen Leistungsniveaus aufgrund des Altersunterschieds um?“
FGE: „Das tolle am Opernkinderorchester ist, dass die verschiedenen Altersgruppen ja alle gemeinsam in ihren einzelnen Stimmgruppen und natürlich im Orchester zusammenarbeiten. Alle Kinder probieren gemeinsam Stücke, studieren das Programm mit dem Mentor*innen zusammen ein. Das Leistungsniveau zeigt sich eher in den Registerproben der Mentor*innen mit den Kindern. Dadurch, dass ich mit den Mentor*innen im engen Austausch bin, bekomme ich natürlich mit, wie die Proben laufen und vor welchen Herausforderungen sich die einzelnen Stimmgruppen mit den unterschiedlichen Kindern sehen. Das hat gar nicht immer direkt etwas mit einem „Können“ oder „Nicht-Können“ zu tun, denn die Kinder erhalten ja zusätzlich auch regelmäßigen Instrumentalunterricht an ihren Musikschulen. Ich erfahre vielmehr was die Kinder in der Schule bewegt hat, wie motiviert sie heute sind, was vielleicht schwierig war oder vor welchen musikalischen Herausforderungen sie gerade stehen. Schön an diesem Projekt ist, dass die älteren Kinder, die auch schon ein paar Jahre beim OKO dabei sind, die jüngeren mitziehen.“
„Die Kinder lernen zu verstehen, dass das Orchester nur funktionieren kann, wenn alle an einem Strang ziehen.“
Friederike Geisler-Enke, Projektmanagerin Opernkinderorchester
© Bild: Peter Adamik, Staatsoper unter den LindenKSG: „Ist das nicht herausfordernd? Wie gelingt die Koordination zwischen pädagogischem Anspruch und künstlerischer Qualität?“
FGE: „Es ist auf jeden Fall herausfordernd diese beiden Komponenten in Einklang zu bringen. Die Kinder bringen aber wie gesagt durch ihren regelmäßigen Instrumentalunterricht an den Musikschulen der Stadt schon eine gewisse künstlerische Qualität mit. Und diese wird durch die gemeinsame Arbeit mit den Mentor*innen und natürlich auch durch den Dirigenten gefördert. Wichtig ist, dass man nicht aus den Augen verliert, dass es Kinder sind, die hier ihrer Leidenschaft nachgehen und dazu gehört natürlich auch neben aller künstlerischer Ernsthaftigkeit, dass Spiel und Spaß ebenso zum Lernen dazugehören, wie die musikalischen Basics tagtäglich zu üben. So versuchen wir die Pausen gemeinsam mit den Kinderbetreuer*innen für Spiele und Gespräche zu nutzen.“
KSG: „Welche Rolle spielen dabei Disziplin, Teamfähigkeit und Selbstvertrauen im Orchesteralltag der Kinder?“
FGE: „Diese drei Komponenten sind natürlich wesentlich um in der Gruppe, dem Orchester, zu musizieren. Die Disziplin bringen alle Kinder mit. Die Teamfähigkeit lernt man im und durch das Spiel im Orchester. Die Kinder lernen zu verstehen, dass das Orchester nur funktionieren kann, wenn alle an einem Strang ziehen. Aber das ist ja auch der Moment auf den die Kinder in den Registerproben hinarbeiten. Es ist unglaublich spannend und aufregend, wenn das, was man allein oder in kleinen Gruppen geübt hat, dann in der großen Gruppe zusammengeführt wird und wie sich das zusammen anhört.“
KSG: „Was meinen Sie, welche konkreten Effekte hat die Teilnahme auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder?“
FGE: „Kinder müssen lernen sich selbst zu organisieren. Das heißt eigenständig eine Ordnung in ihr Notenmaterial zu bringen und auch all ihr Material immer bei sich zu haben. Sie lernen Zeitpläne zu lesen, sie einzuhalten und sie müssen natürlich gewissermaßen den Spagat zwischen der Schule, dem dortigen Lehrplan, dem Instrumentalunterricht sowie den Probe-Terminen des OKOs schaffen. Dies alles passiert natürlich immer unter der Obhut und mithilfe der Eltern, Familien und den Lehrer*innen. Zudem entstehen im Orchester auch neue Freundschaften. Der gemeinsame Nenner, das Musizieren, ist ein verbindendes Element und schafft etwas identitätsstiftendes. Der gemeinsame Erfolg sowie die Erkenntnis, wie es sich anfühlt etwas zusammen auf die Beine zu stellen und auf die große Bühne zu bringen, verbindet.“
KSG: „Gibt es Beispiele, in denen Kinder über sich hinausgewachsen sind?“
FGE: „Die Kinder sind alle nach der gemeinsamen Probenfahrt über sich hinausgewachsen. Man merkt einfach wie solch eine gemeinsame Fahrt über drei Tage hinweg alle Kinder prägt und anspornt. Die Kinder proben natürlich sehr intensiv in dieser Zeit. Über ein verlängertes Wochenende sind sie durchgehend zusammen, spielen und verbringen ihre Freizeit miteinander. Drei Wochen vor dem ersten Konzert trifft das genau den Zeitpunkt, in dem die Kinder noch einmal einen Schwung erhalten und möglicherweise die Aufregung so langsam ansteigt. Ich denke, das beflügelt. Und um bei dieser Spielzeit zu bleiben, war es möglicherweise auch der Moment, in dem das erste Mal die Sänger:innen und der Jugendchor zu den Proben hinzugekommen sind. Musikalische Zusammenhänge haben sich dadurch erschlossen und was vorher im Zusammenspiel vielleicht noch unsicher war, hat zu den Endproben und dann zum ersten Konzert der Saison, bei Staatsoper für Alle, vor hunderten von Menschen auf dem Bebelplatz dann richtig gut funktioniert.“
KSG: „Was kann Kulturelle Bildung leisten, was Schule allein nicht abdecken kann? Und was sollte aus Ihrer Sicht stärker in den Fokus von Bildungs- und Kulturpolitik rücken?“
FGE: „Schule vermittelt natürlich wichtige Grundlagen und begleitet Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg. Kulturelle Bildung eröffnet zusätzlich Räume für Erfahrungen, die sich nicht immer in Lehrplänen oder Noten messen lassen. Im Opernkinderorchester erleben wir immer wieder, wie Kinder über sich hinauswachsen: Sie vertiefen ihre Talente, entwickeln Selbstvertrauen und lernen, ihre eigene Stimme einzubringen – musikalisch, aber auch persönlich. Die Kinder erfahren, dass jede und jeder Einzelne wichtig ist und dass ein gelungenes Ergebnis nur durch gegenseitiges Zuhören, Respekt und Zusammenarbeit entsteht. Kinder und Jugendliche erleben, dass ihre Ideen, ihre Kreativität und ihr Engagement zählen. Das kann neue Perspektiven eröffnen und ihnen Mut machen, ihren eigenen Weg zu gehen. Deshalb wünsche ich mir, dass kulturelle Bildung noch stärker als fester Bestandteil ganzheitlicher Bildung verstanden wird. Jedes Kind sollte die Möglichkeit haben, unabhängig von Herkunft oder finanziellen Voraussetzungen Zugang zu kulturellen Angeboten zu erhalten. Dafür braucht es langfristige Förderstrukturen und die enge Zusammenarbeit von Bildungs-, Kultur- und Sozialpartnern. Denn kulturelle Bildung fördert nicht nur künstlerische Fähigkeiten – sie stärkt junge Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung und schafft wichtige Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe.“
KSG: „Wir sagen herzlich Danke für das Interview!“
Text/Interview: Dr. Sofia Delgado