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Wie Zusammenarbeit regionale Stärke erzeugt

24.03.2026

Nach welchem Muster entstehen regionale Innovationen, die sowohl Unternehmen als auch ganzen Regionen zugutekommen? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Forschung, die in diesem Jahr mit dem KSG Best Entrepreneurship Research Award ausgezeichnet wurde.

Die Karl Schlecht Stiftung würdigt mit diesem Preis gemeinsam mit dem Forschungsnetzwerk FGF wissenschaftliche Arbeiten, die einen wegweisenden Beitrag zum Verständnis von Unternehmertum leisten. 2025 ging die Auszeichnung an Debora Read, Prof. Dr. Sabrina Schell und Prof. Dr. Andreas Hack. Ihre Studie untersucht, wie Unternehmerinnen und Unternehmer mit regionalen Partnern Lösungen entwickeln können, die wirtschaftlichen Erfolg und regionalen Nutzen verbinden. Am Beispiel eines Logistiknetzwerks in der Schweiz zeigt die Forschung, wie aus einer einzelnen Idee ein tragfähiges, gemeinschaftlich getragenes Projekt entsteht.

Untersucht wurde, wie solche Initiativen ins Leben gerufen werden, wie sie sich entwickeln und wie sie langfristig bestehen können. Sie zeigen, dass nicht nur die eigentliche Zusammenarbeit wichtig ist, sondern auch die Phasen davor und danach. Außerdem wird sichtbar, wie stark einzelne unternehmerische Persönlichkeiten Veränderungen anstoßen und regionale Wertschöpfung fördern können. Dr. Sofia Delgado sprach mit den Preisträgern über ihre Forschungsarbeit.

Karl Schlecht Stiftung (KSG): Ihre Arbeit trägt den Titel „On the edges of civic wealth creation: From entrepreneurial spark to civic stewardship“. Können Sie uns etwas mehr über das untersuchte Konzept „Civic Wealth Creation“ verraten?

Debora Read: Civic Wealth Creation beschreibt im Grunde einen Prozess, in dem unterschiedliche Akteure aus der lokalen Gemeinschaft, aus Unternehmen und aus öffentlichen Stellen zusammenkommen, um gemeinsam Lösungen für konkrete Probleme vor Ort zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftlichen Erfolg. Natürlich spielt Wertschöpfung eine wichtige Rolle – aber eben nicht ausschließlich im finanziellen Sinn. Es geht genauso um soziale und ökologische Effekte, zum Beispiel um Lebensqualität, Vertrauen oder den Zusammenhalt in einer Region. Wenn all das zusammenkommt, entsteht (zivil)gesellschaftliche Wertschöpfung im umfassenden Sinn – also nicht nur auf dem Papier, sondern spürbar im Alltag der Menschen vor Ort.

KSG: Was glauben Sie, warum ist die Entstehungsphase zivilgesellschaftlicher Wertschöpfung bislang so wenig erforscht, obwohl sie entscheidend für den späteren Erfolg der Projekte ist?

Prof. Dr. Andreas Hack: Wir wissen oft gar nicht genau, wann so ein zivilgesellschaftlicher Wertschöpfungsprozess eigentlich beginnt. Das ist ja kein „Big Bang“, bei dem jemand sagt: Ab heute verbessern wir die Welt. In der Anfangsphase gibt es meistens noch keine offiziellen Partnerschaften, keine ausgefeilten Projektpläne und keine großen Ankündigungen. Vieles passiert informell, im Hintergrund. Menschen probieren etwas aus, führen Gespräche, testen Ideen – oft ohne den Anspruch, gleich etwas Bedeutendes zu schaffen.
Und genau in dieser Phase liegt das Spannende. Denn hier kann sich der Funke entzünden. Aus einer kleinen, vielleicht ganz pragmatischen, Idee, kann Schritt für Schritt etwas Größeres entstehen – wenn andere dazukommen, die Idee weiterentwickeln und Verantwortung teilen.

Dieses unternehmerische Denken –, also schnell ins Handeln kommen, auch einmal ein Risiko eingehen, sich flexibel anpassen – macht sie zu wichtigen Impulsgebern.“ 

Debora Read

KSG: Welche Rolle spielen einzelne unternehmerische Akteure in den frühen Phasen des Civic Wealth Creation?

Debora Read: In frühen Phasen sind es oft einzelne Unternehmerinnen oder Unternehmer, die etwas anstoßen. Sie nutzen ihre Handlungsspielräume, setzen eigene Ressourcen ein und testen Ideen, bevor es Förderprogramme oder formale Strukturen gibt und schauen ganz pragmatisch: Funktioniert das hier vor Ort oder nicht? Dieses unternehmerische Denken –, also schnell ins Handeln kommen, auch einmal ein Risiko eingehen, sich flexibel anpassen – macht sie zu wichtigen Impulsgebern. Wichtig ist dabei: Das ist kein Heldennarrativ. Es geht nicht darum, dass eine einzelne Person alles löst. Ihr Beitrag liegt darin, etwas in Gang zu setzen. Damit daraus dann echte gesellschaftliche Wirkung entsteht, braucht es später kollektiv getragene Lösungen und geteilte Verantwortung.

KSG: Gibt es Rahmenbedingungen die KMUs benötigen, um als Impulsgeber für zivilgesellschaftlichen Mehrwert zu wirken?

Prof. Dr. Andreas Hack: Ich würde sagen: Kleine und mittlere Unternehmen brauchen nicht unbedingt perfekte äußere Rahmenbedingungen. Die wichtigste Grundlage für gesellschaftlichen Mehrwert schaffen sie oft selbst.Viele dieser Unternehmen sind inhaber- oder familiengeführt. Das heißt: Die Unternehmerinnen und Unternehmer leben mit ihren Familien direkt vor Ort. Sie erleben also ganz konkret, wo es Probleme gibt, was den Menschen wichtig ist und wo vielleicht etwas fehlt. Dadurch sind sie nah dran an den Bedürfnissen der Region – und genießen meist auch großes Vertrauen.Genau diese lokale Verwurzelung ist ein riesiger Vorteil. Sie können Brücken bauen zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Und so schaffen sie es, weitere Akteure an einen Tisch zu bringen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln, von denen am Ende die ganze Region profitiert

KSG: Inwiefern lassen sich die Ergebnisse der Studie auf andere Branchen oder Regionen übertragen und wo liegen die Grenzen dieser Übertragbarkeit?

Debora Read: Was sich besonders gut übertragen lässt, ist die zugrunde liegende Logik des Prozesslogik – also die Abfolge, wie solche Initiativen entstehen, sich entwickeln und wie ihre Ergebnisse langfristig gesichert werden können. Am Anfang steht meist eine konkrete, lokale Problemstellung und die Frage: Was können wir hier pragmatisch ausprobieren? Häufig sind es Unternehmerinnen und Unternehmer, die hier die ersten Schritte machen – manchmal aus gesellschaftlicher Verantwortung heraus, manchmal aber auch, weil sie darin eine wirtschaftliche Chance sehen. In einem zweiten Schritt werden gezielt weitere relevante Akteure eingebunden: aus der Wirtschaft, aus öffentlichen Stellen und aus der Zivilgesellschaft. In dieser Phase geht es darum, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln oder weiterzuentwickeln, die einen echten gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Langfristig stabil bleiben solche Lösungen dann aber nur, wenn sie auch wirtschaftlich tragfähig sind. Und hier kommen wieder Unternehmen ins Spiel. Denn selbst die Idee kann nur dann dauerhaft bestehen, wenn sie finanziell auf eigenen Beinen steht und nicht dauerhaft von Projektgeldern oder einzelnen Förderprogrammen abhängig ist.

„Wir sind überzeugt, dass Zusammenarbeit in Zukunft noch viel wichtiger wird. Viele große Herausforderungen – wie der Umgang mit dem Klimawandel, soziale Ungleichheit oder die sichere Versorgung mit Energie und Gütern – kann niemand allein lösen.“

Prof. Dr. Andreas Hack

KSG:  Welche Entwicklungen erwarten Sie künftig im Bereich kollaborativer Wertschöpfungsmodelle?

Prof. Dr. Andreas Hack Wir sind überzeugt, dass Zusammenarbeit in Zukunft noch viel wichtiger wird. Viele große Herausforderungen – wie der Umgang mit dem Klimawandel, soziale Ungleichheit oder die sichere Versorgung mit Energie und Gütern – kann niemand allein lösen. Dafür braucht es unterschiedliche Akteure, die gemeinsam an einem Strang ziehen.Gleichzeitig wird genau diese Zusammenarbeit schwieriger. Öffentliche Gelder werden knapper, die Gesellschaft ist teilweise stärker polarisiert, und auch Unternehmen stehen unter wachsendem wirtschaftlichem Druck. Das macht Kooperationen anspruchsvoller. Wir glauben deshalb, dass vor allem die Projekte erfolgreich sein werden, bei denen Unternehmerinnen und Unternehmer eine aktive Rolle übernehmen – nicht nur beim Start, sondern auch langfristig. Also dort, wo sie Verantwortung übernehmen und mithelfen, dass solche Kooperationen nicht nur wirtschaftlich funktionieren, sondern auch einen echten Mehrwert für die Gesellschaft schaffen.

Vielen Dank für das Interview!

Einreichungen für den Best Research Paper Awards 2026 sind noch bis zum 10. Mai 2026 auf der Webseite des FGF möglich.