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Karajan-Akademie „Führung ist Verantwortung – auch im künstlerischen Raum“

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© SRössler
02.09.2025

Seit 2022 leitet Simon Rössler die renommierte Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker. Sie gilt als eine der renommiertesten Ausbildungsstätten für junge Orchestermusiker weltweit. Hier treffen künstlerische Exzellenz, generationsübergreifendes Lernen und individuelle Förderung aufeinander. Simon Rössler selbst wurde an der Akademie ausgebildet und kennt das Spannungsfeld zwischen Tradition und Erneuerung aus eigener Erfahrung.

Im Gespräch mit der Karl Schlecht Stiftung, welche die Karajan-Akademie fördert, spricht er über den Führungsanspruch eines Orchesters, das als kollektives System agiert und dabei dennoch Verantwortung verlangt, warum gute Führung mit Zuhören beginnt und welche Rolle Vertrauen, Haltung und persönliche Reife im Umgang mit jungen Talenten spielen. Dabei geht es auch um die Frage, wie musikalische Institutionen heute eine Balance zwischen Bewahrung und Transformation finden können.

© Bild: Peter Adamik

„Dass ich nun dafür verantwortlich bin, dass viele junge talentierte Musikerinnen und Musiker genau diese Chance bekommen, mit einem Weltorchester auf Tuchfühlung zu sein, erfüllt mich mit Stolz und Dankbarkeit.“

Simon Rössler

Karl Schlecht Stiftung (KSG): Herr Rössler, Sie haben selbst an der Karajan-Akademie studiert und leiten sie heute – was bedeutet Ihnen diese Rückkehr in leitender Funktion persönlich?

Simon Rössler (SR): „Ein Stipendium an der Karajan-Akademie zu bekommen und von Mitgliedern der Berliner Philharmoniker zu lernen und mit ihnen zu musizieren, war ein Traum von mir – eigentlich schon seit ich parallel zur Schule Vorstudent an der Stuttgarter Musikhochschule war. Am Ende war ich damals dann nur für eine Nacht Stipendiat der Karajan-Akademie. Am Tag nach diesem Probespiel konnte ich mich bereits für eine feste Stelle bei den Berliner Philharmonikern qualifizieren. Dass ich nun dafür verantwortlich bin, dass viele junge talentierte Musikerinnen und Musiker genau diese Chance bekommen, mit einem Weltorchester auf Tuchfühlung zu sein, erfüllt mich mit Stolz und Dankbarkeit.“

KSG: Die Akademie gilt als eine der renommiertesten Talentschmieden im klassischen Musikbetrieb. Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an diesem Ausbildungskonzept, vor allem im Vergleich zu anderen Akademien?

SR: „ Das duale Ausbildungskonzept, das Herbert von Karajan im Jahr 1972 durch die Gründung der Orchesterakademie begonnen hat, fußt auf der Idee, dass man von den Profis lernt und zeitgleich mit ihnen künstlerisch aktiv ist. Die vor einigen Jahren von „Orchesterakademie“ zu „Karajan-Akademie“ umgetaufte Exzellenzförderung hat sich durch das breite Ausbildungskonzept stetig weiterentwickelt. Das Niveau dieser wohl bekanntesten und ältesten Talentschmiede ist beeindruckend. So erstaunt es nicht, dass die Durchlässigkeit zu einer festen Anstellung bei den Berliner Philharmonikern sehr hoch ist. Mittlerweile haben über 40 der 130 festangestellten Musiker der Berliner Philharmoniker ihre Ausbildung in der Karajan-Akademie absolviert.“

© Bild: Karajan Akademie

„Die Kommunikation mit den jungen Musikern muss an erster Stelle stehen – welche Bedürfnisse und welche Wünsche haben sie, und wie können wir uns innerhalb der Karajan-Akademie gegenseitig stärken?“

Simon Rössler

KSG: Was verstehen Sie persönlich unter „Good Leadership“ – und wie setzen Sie das in Ihrer Rolle als Leiter der Akademie um?

SR: „Die Kommunikation mit den jungen Musikern muss an erster Stelle stehen – welche Bedürfnisse und welche Wünsche haben sie, und wie können wir uns innerhalb der Karajan-Akademie gegenseitig stärken? Die Stipendiaten dürfen Verantwortung für die Akademie übernehmen, zum Beispiel bei der Themenwahl der Seminare oder bei der Auswahl der Konzertprogrammatik und so Selbstwirksamkeit erfahren, das ist wichtig für die Qualitätssicherung. Ein offenes Ohr für neue Ideen zu haben und selbst auch kreativ zu sein, ist ebenso wichtig wie klare Ansagen oder Transparenz bei Entscheidungen.“

KSG: Junge Musiker bringen heute nicht nur Talent mit, sondern stehen auch unter enormem Druck. Wie fördern Sie deren persönliche Entwicklung über die Musik hinaus?

SR: „Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit habe ich eine interaktive Seminarreihe ins Leben gerufen, deren Zielsetzung eine Entwicklung der Stipendiaten hin zu resilienten, musikbegeisterten Berufstätigen ist. Als junger Musiker verbringt man sehr viel Zeit mit sich und dem Instrument. Die Entfaltung der sozial-emotionalen Persönlichkeit findet deshalb oftmals verzögert statt. Auf der anderen Seite finden wir aber eine Zielstrebigkeit, Begeisterung und Leidenschaft vor, die von unschätzbarem Wert ist. Auf dieser Grundlage aufbauend möchte ich den jungen Musikern helfen, zu Menschen mit starker Persönlichkeit zu werden.“

KSG: Die musikalische Welt befindet sich im Wandel – neue Konzertformate, neue Zielgruppen, digitale Medien. Was bedeutet das für Ihre Arbeit und für den Führungsstil in künstlerischen Institutionen?

SR: „Es bedeutet zum einen, dass wir versuchen, die jungen Stipendiaten breiter aufzustellen. Weil die Anzahl der Orchester weltweit rückläufig ist, sollte sich jeder heranwachsende Musiker auch eine Alternative vorstellen können zum klassischen Orchesterjob, der sich ohnehin weiterentwickelt hat und heutzutage weit mehr erfordert als das Beherrschen eines Instrumentes. Zum anderen bedeutet dies aber auch, mit unserer Arbeit für die Relevanz klassischer Musik bei einem breiteren Publikum zu kämpfen. Das ist uns bisher bereits erfolgreich durch die «Carte blanche – Berlin, hör mal!» - Reihe sowie durch das Jugendformat „#Beethoven“ mit dem Konzert mit Alligataoh und DJ ÜBERKIKZ gelungen.“

KSG: Wie steht es aktuell um die klassische Musik und das Interesse junger Menschen dafür als Musiker und Zuhörer? Gibt es genügend?

SR: „Es gibt eine große Anzahl von hochtalentierten jungen Musikern, die ihre Leidenschaft zum Beruf machen wollen. Auf die Ausschreibung eines Stipendiums bei der Karajan-Akademie bewerben sich hunderte qualifizierter Studenten mit oft beeindruckenden Videos. Am Ende eines Auswahlprozesses laden wir ca. 30 Musiker zu einem Vorspiel nach Berlin ein. Es ist eher ein Überangebot als Mangel da. Und es gibt auch viele junge Zuhörer. Da im heutigen Bildungskanon die klassische Musik leider nicht mehr den Stellenwert wie vor 50 Jahren hat, müssen wir hier mit anderen Konzertformaten und mit Leidenschaft für unsere Sache wieder mehr Menschen für klassische Musik begeistern.“

KSG: Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Kompetenzen, die junge Musikerinnen und Musiker heute neben ihrem Instrument beherrschen sollten?

SR: „Teamfähigkeit und Flexibilität, Resilienz und Begeisterungsfähigkeit“

 

„Das funktioniert aber nur, wenn wir auch die Instagram- und TikTok-Generation für eine Aufmerksamkeitsspanne gewinnen können, die länger als 30 Sekunden ist.“

Simon Rössler

KSG: Wenn Sie einen Wunsch für die Zukunft der klassischen Musik formulieren könnten – wie würde dieser lauten?

SR: Ich wünsche mir für die klassische Musik, dass sie weltweit mehr Menschen erreicht, denn mit ihrer Kraft kann sie tiefste Emotionen auslösen. Das funktioniert aber nur, wenn wir auch die Instagram- und TikTok-Generation für eine Aufmerksamkeitsspanne gewinnen können, die länger als 30 Sekunden ist. Denn wir benötigen Geduld, um Klänge zuzulassen, deren Spannung sich nicht gleich auflöst, werden dafür dann aber reich beschenkt.

KSG: Welche Vision verfolgen Sie konkret für die Weiterentwicklung der Karajan-Akademie und was möchten Sie den jungen Musikerinnen und Musikern mit auf den Weg geben, die hier ausgebildet werden?

SR: Selbst in den entferntesten Gegenden und entlegensten Regionen dieser Welt sollten junge Musikerinnen und Musiker von unserer Arbeit erfahren und die Möglichkeit bekommen, mit uns zwei spannende und lehrreiche Jahre in der Karajan-Akademie in Berlin zu verbringen. Und ich freue mich, wenn viele von der Art und Weise, wie die Berliner Philharmoniker musizieren, begeistert werden, aber auch wenn sie die Idee, wie man sich als demokratisches Musikerkollektiv begreifen kann, in ihre Länder und Kulturen tragen.

KSG: „Wir sagen herzlich Danke für das Interview.“