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Innere Prozesse, äußere Verantwortung: Ein Alumnus blickt zurück

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© gegenwART, Kunstmuseum Stuttgart, 2020 (c) Foto: Gerald Ulmann, Stuttgart
09.04.2026

Ein Alumnus blickt auf die Anfänge von gegenwART zurück: Interview mit Rachid Baradi, Kieferorthopäde.

Das Kunstmuseum Stuttgart führt seit 2020 in Zusammenarbeit mit der Karl Schlecht Stiftung mit gegenwART einen innovativen Achtsamkeitsworkshop an der Schnittstelle von Kunst und Selbstreflexion. Das Programm richtet sich an Master- und Promotionsstudierende und schafft einen geschützten Raum, in dem Kunstbetrachtung und Achtsamkeitstechniken miteinander verbunden werden. Ziel ist es, Persönlichkeitsentwicklung anzuregen und kreative Kompetenzen nachhaltig zu stärken. Der Erkenntnisgewinn von gegenwART liegt stark in inneren Prozessen, Haltungsänderungen und Transferleistungen, die über den Workshop hinaus in Studium, Beruf und persönliche Entscheidungsräume wirken.

Im folgenden Interview blickt Rachid Baradi, ehemaliger Teilnehmer des ersten Batchs, auf seine Erfahrungen zurück. Damals noch Masterstudent, ist er heute Kieferorthopäde mit Führungsverantwortung in einer kieferorthopädischen Praxis. 

© Bild: privat

KSG: „Herr Baradi, Sie haben am ersten Durchgang von gegenwART teilgenommen. In welcher beruflichen und persönlichen Situation befanden Sie sich damals und welche Erwartungen hatten Sie zu Beginn an den Workshop?“

Rachid Baradi (RB): „Ich war damals noch Assistenzzahnarzt und kurz vor Beginn meines Masterstudiums in der Kieferorthopädie, dazu frisch gewordener Vater. Ich wollte grundsätzlich etwas ändern, da ich mit meiner letzten Stelle sehr unzufrieden und enttäuscht war, um mir eine bessere Zukunft zu schaffen. Mir fehlte aber die Ruhe und die Energie dafür, weil ich oft mit den negativen vergangenen Erfahrungen beschäftigt war.“

KSG: „Der erste Batch wurde von Markus Zeh als MBSR-Trainer* begleitet. Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt bereits Berührungspunkte mit Achtsamkeitsübungen oder haben Sie damit Neuland betreten?“

RB: „Ganz neu war es für mich tatsächlich nicht, denn ich war davor in einer Theatergruppe von Christoph Diefenthal und die Trainerin Simone Henke hatte dort als Gast bereits Achtsamkeitsübungen gemacht. Das hat mir richtig gut getan. Ich habe gefragt, ob es dafür einen Kurs gäbe und so vom Projekt gegenwART erfahren. Ich bin dankbar, dass ich mitmachen durfte.“

KSG: „Markus Zeh wurde zusätzlich durch die künstlerische Leitung von Simone Henke unterstützt. Wie haben Sie dieses Zusammenspiel erlebt?“

RB: „Es war eine super Kombination und ein super Team. Denn beide hatten Ihre eigene Stärken, Erfahrungen und ihren persönlichen Einsatz. Das Beste war, dass sie uns gut zugehört und meinem Eindruck nach, entsprechend wirkende Übungen durchgeführt haben.“

KSG: „Welchen Bezug hatten Sie damals zu Kunst, und was bedeutete für Sie die Verbindung von Kunst und Achtsamkeit?“

RB: „Ich hatte keinen richtigen Bezug, würde ich mal sagen, und meine eigene Philosophie dazu, was Kunst bedeutet. Nämlich etwas Neues, vielleicht Schönes und Gutes zu kreieren. Mittlerweile bedeutet Kunst für mich eine Art von Äußerung und Klarheitsmethode, Inspiration, Energiequelle und auch die Gelegenheit, Sachen loszulassen, z.B. beim Freizeichen nach Gefühl mit oder ohne Musik und am Ende auch eine Freude.“

 „Ich benutze diese Meditationserfahrungen, um unangenehme Situationen entspannt und sachlich zu analysieren und mit neuen, guten Ideen und Entscheidungen vorzugehen.“

Rachid Baradi, Teilnehmer gegenwART

 

© Bild: gegenwART, Kunstmuseum Stuttgart, 2020 (c) Foto: Gerald Ulmann, Stuttgart

KSG: „Für Teilnehmende ohne Vorerfahrung, können diese Zugänge sehr intensiv sein. Gab es Momente oder Situationen im Projekt, die Ihnen besonders präsent geblieben sind?“

RB: „Ja, zum Beispiel Momente der Ruhe nach einer Meditationsrunde, wo man Dinge, die einen beschäftigen, wie eine Wolke gehen lassen kann. Wo man Sachen von außen und aus einer anderen Perspektive betrachten kann. Momente, wo wir Dinge im Hier und Jetzt besser und manchmal genussvoller wahrnehmen können.“

KSG: „Heute sind Sie Kieferorthopäde mit und Leiter einer Praxis und tragen Verantwortung für Mitarbeitende. Inwiefern greifen Erfahrungen aus gegenwART in Ihrem heutigen Berufsalltag? Von welchen Impulsen haben Sie nachhaltig profitiert?“

RB: „Ich benutze diese Meditationserfahrungen, um unangenehme Situationen entspannt und sachlich zu analysieren und mit neuen, guten Ideen und Entscheidungen vorzugehen.“

KSG: „Wenn Sie den Weg vom Studierenden zur Führungskraft betrachten: Welche Veränderungen in Ihrer Haltung oder Persönlichkeit nehmen Sie bei sich wahr?“

RB: „Als Student war ich abhängiger und dadurch besorgter. Als Führungskraft trage ich Verantwortung, nicht nur für mich selbst, sondern gleichzeitig auch für die Patienten und die Mitarbeiter. Ich bin freier in meinen Entscheidungen und beginne die Analyse möglichst bei mir selbst, wenn etwas anders als geplant läuft. Denn am Ende sollen die Dinge so laufen, wie ich sie entscheide. Und wenn etwas nicht funktioniert, frage ich mich: Habe ich das klar kommuniziert? War ich ein gutes Vorbild in dieser Angelegenheit? Habe ich nachgefragt und ehrliches Feedback gegeben? Ist der Mitarbeiter kompetent genug für die Aufgabe? Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus meiner bisherigen Erfahrung gewonnen habe, ist, Zwang zu vermeiden und stattdessen Vertrauen zu schenken.“

KSG: „Nutzen Sie heute Elemente aus Achtsamkeit oder Selbstreflexion bewusst in Führungs- oder Entscheidungssituationen?“

RB: „Ja, tatsächlich ist eines meiner Ziele das Wohlbefinden für mich und meine Mitmenschen. Ich habe mittlerweile mehrere Webinare und Seminare zu diesem Thema besucht und merke, dass ich diese Ansätze immer bewusster nutze.“

 

© Bild: gegenwART, Kunstmuseum Stuttgart

KSG: „Das Programm gegenwArt macht 2026 eine Pause, da das Kunstmuseum renoviert wird. Vor diesem Hintergrund: Was ist aus Ihrer Sicht der unverzichtbare Kern des Projekts, die Kunst, die Achtsamkeit oder gerade ihr Zusammenspiel?“

RB: „Die Mischung, denn die Achtsamkeit ist etwas, das ich immer mitnehmen und nachhaltig verwenden konnte und die Kunst war immer der bunte, abwechslungsreiche Inhalt, der Rahmen, der die Teilnehmer zum Agieren und Zusammenspielen gebracht hat.“

Wir sagen herzlich Danke für das Interview! Das Program gegenwart wird 2027 fortgesetzt. Interessierte können sich voraussichtlich ab Herbst 2026 beim Kunstmuseum vormerken lassen.

*MBSR bedeutet achtsamkeitsbasierte Stressreduktion. Ein MBSR-Trainer begleitet die Teilnehmenden dabei, innere Prozesse wahrzunehmen, innezuhalten und Erfahrungen aus der Kunstbetrachtung oder künstlerischen Arbeit achtsam zu reflektieren. 


Vielen Dank für das Interview!