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Verantwortung in Führung für die Region Reutlingen

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© Jörg Büchel
10.02.2026

Neue Leadership Talent Academy (LTA) an der ESB Business School: Seit Beginn des Wintersemesters 2025/2026 ist die ESB Business School in Reutlingen Teil des LTA-Netzwerks. Das Leadership Talent Academy Programm der Karl Schlecht Stiftung bereitet nun auch in Reutlingen zukünftig 25 Stipendiaten gezielt auf verantwortungsbewusste Führungsrollen vor. 

Im Fokus stehen ethisch-humanistische Werte, praxisorientierte Module wie „Führung von Familienunternehmen“ und die Zusammenarbeit mit Cyber Valley und dem Tübingen AI Center für kompetente Führung im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz. Prof. Dr. Jörg Büechl, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der ESB Business School, hat die LTA  für den Standort Reutlingen konzipiert und verantwortet deren inhaltliche Ausgestaltung vor Ort.

Karl Schlecht Stiftung (KSG): Herr Prof. Büechl, mit der neuen LTA in Reutlingen kommt ein neues Programm an die Hochschule.  Wie verläuft der Auswahlprozess für die Stipendiaten, was sollte ein Bewerber mitbringen?

Jörg Büechl (JB): Die Stipendiaten rekrutieren sich sowohl aus berufsbegleitend Studierenden als auch aus Alumni der ESB Business School. Wichtig ist dabei, dass alle Studierenden bereits vor ihrem Studium einen anspruchsvollen Auswahlprozess auf Basis einer Aufnahmeprüfung durchlaufen haben. Es hat also bereits eine sehr bewusste Vorselektion stattgefunden.

Für die Leadership Talent Academy arbeiten wir nun sehr eng mit dem ESB Reutlingen Alumni e.V. und den Studiengangsleitern der unterschiedlichen Programme zusammen. Diese begleiten die Studierenden sowie Alumni teilweise über mehrere Jahre hinweg und haben dadurch einen sehr guten Blick auf Persönlichkeiten mit erkennbarem Führungspotenzial, ausgeprägter Reflexionsfähigkeit und einer klaren inneren Motivation, Verantwortung zu übernehmen.

Wir befinden uns aktuell im ersten Durchlauf des Programms, können aber bereits sagen, dass diese Vorgehensweise für den ersten Jahrgang sehr gut funktioniert hat. Die enge Zusammenarbeit mit den Studiengangsleitern erweist sich als großer Mehrwert, um genau die Persönlichkeiten zu identifizieren, für die die LTA den größten Entwicklungsschub bieten kann.

„Langfristig verstehen wir somit die LTA nicht nur als Programm, sondern als lebendiges Netzwerk verantwortungsbewusster Führungspersönlichkeiten über Standorte hinweg.“

Prof. Dr. Jörg Büechl

KSG: Was bedeutet die Aufnahme der ESB Business School in das LTA-Netzwerk für die Studierenden und die Region Reutlingen?

JB: Die Aufnahme in das LTA-Netzwerk eröffnet unseren Studierenden einen besonderen Mehrwert, weil sie Teil eines überregionalen Verbundes von Leadership Talent Academies mit sehr unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten werden. Während sich einzelne Standorte gezielt an Wissenschaftler, Gründer oder technisch orientierte Studierende und Doktoranden richten, bringt die ESB Business School ihre Stärke in werteorientierter Führung, Managementkompetenz und unternehmerischer Verantwortung ein. Für die Teilnehmenden bedeutet das, dass sie über den eigenen fachlichen und institutionellen Kontext hinausblicken können. Der Austausch mit Talenten aus anderen LTAs ermöglicht es, Führung aus unterschiedlichen Perspektiven kennenzulernen: wissenschaftlich, technologisch oder unternehmerisch, und diese Impulse in den eigenen beruflichen Alltag zu übertragen. Gerade diese Vielfalt macht das LTA-Netzwerk so wertvoll.

Diesen standortübergreifenden Netzwerkgedanken wollen wir künftig gezielt stärken. Ein erster konkreter Schritt ist eine gemeinsame Alumni-Veranstaltung, die wir im April zusammen mit der LTA Tübingen durchführen. Dabei werden Alumni dieser zwei Leadership Talent Academies miteinander ins Gespräch kommen, sich vernetzen und voneinander lernen. Langfristig verstehen wir somit die LTA nicht nur als Programm, sondern als lebendiges Netzwerk verantwortungsbewusster Führungspersönlichkeiten über Standorte hinweg.

Für die Region Reutlingen ist die LTA ein klares Bekenntnis zur gezielten Entwicklung verantwortungsbewusster Führungskräfte. Die Region ist stark geprägt von mittelständischen und familiengeführten Unternehmen, die langfristig denkende Persönlichkeiten benötigen. Mit der LTA investieren wir bewusst in Menschen, die hier wirken, Verantwortung übernehmen und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit gesellschaftlicher Verantwortung verbinden wollen. Damit stärken wir nicht nur die Hochschule, sondern auch die nachhaltige Entwicklung der regionalen Unternehmenslandschaft.

 

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KSG: Die Ausrichtung der LTA an der ESB in Reutlingen unterscheidet sich von den anderen Standorten wie dem KIT in Karlsruhe oder den Campus Founders in Heilbronn. Welche Themen stehen besonders hier im Fokus, was bleibt verbindend zu den anderen?

JB: An der ESB Business School liegt der Schwerpunkt der Leadership Talent Academy klar auf werteorientierter Führung im Managementkontext. Wir richten uns vor allem an Studierende und Alumni mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund, die bereits Berufserfahrung mitbringen und sich auf Führungsverantwortung in Unternehmen vorbereiten oder diese bereits wahrnehmen. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftsstruktur in Baden-Württemberg legen wir dabei einen besonderen Fokus auf Führung im Mittelstand und in familiengeführten Unternehmen sowie auf die Verbindung von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und verantwortungsvollem Handeln.


„Führung bedeutet hier nicht nur, wirtschaftlich richtige Entscheidungen zu treffen, sondern Vertrauen über Generationen hinweg aufzubauen und zu erhalten. Genau diese Besonderheiten greifen wir im Modul auf und machen sie für die Teilnehmenden praktisch erfahrbar.“

 Prof. Dr. Jörg Büechl

 

KSG: Sie bieten bspw. das Modul „Führung von Familienunternehmen“ an der Hochschule an. Gelten für Familienbetriebe andere Führungskonzepte als allgemein?

JB: Familienunternehmen folgen keinen grundsätzlich anderen Führungsgesetzen, aber die Rahmenbedingungen sind deutlich komplexer. Führung findet hier immer im Spannungsfeld von Familie, Eigentum und Unternehmen statt. Entscheidungen haben oft eine viel stärkere emotionale, historische und langfristige Dimension als in rein managergeführten Organisationen.

Für mich ist dieses Thema nicht nur akademisch relevant, sondern auch persönlich sehr nah. Als Gesellschafter eines familiengeführten Unternehmens in vierter Generation und Mitglied im Beirat erlebe ich diese Spannungsfelder unmittelbar. Das schärft den Blick dafür, wie entscheidend Klarheit in Rollen und Verantwortlichkeiten, der bewusste Umgang mit Nähe und Distanz sowie eine ausgeprägte Kommunikations- und Konfliktfähigkeit sind. Führung bedeutet hier nicht nur, wirtschaftlich richtige Entscheidungen zu treffen, sondern Vertrauen über Generationen hinweg aufzubauen und zu erhalten. Genau diese Besonderheiten greifen wir im Modul auf und machen sie für die Teilnehmenden praktisch erfahrbar.

 

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KSG: Was sind die größten Herausforderungen, junge Führungskräfte für verantwortungsbewusstes Management und ethische Werte zu sensibilisieren?

JB: Eine der größten Herausforderungen besteht darin, dass junge Führungskräfte sehr früh mit hohem Leistungs- und Erwartungsdruck konfrontiert sind. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden, oft unter Unsicherheit und in komplexen Zielkonflikten. In solchen Situationen besteht die Gefahr, dass kurzfristige Effizienz, Machtlogiken oder reine Erfolgskennzahlen dominieren und die langfristigen Auswirkungen auf Organisation, Gesellschaft und Umwelt aus dem Blick geraten.

Gleichzeitig erleben wir weltweit, dass Führung nicht immer werteorientiert ausgeübt wird und ethische Maßstäbe zunehmend unter Druck geraten. Umso wichtiger ist es, jungen Führungskräften Orientierung zu geben und sie zu befähigen, Verantwortung auch dann wahrzunehmen, wenn Rahmenbedingungen komplex oder widersprüchlich sind. An der ESB Business School orientieren wir uns dabei klar an unserer Mission, Führungspersönlichkeiten in einem hoch internationalen Umfeld auszubilden, die unsere globale Wirtschaft und Gesellschaft verantwortungsvoll gestalten. Diese Haltung lässt sich nicht allein durch Fachwissen vermitteln. Sie entsteht durch persönliche Auseinandersetzung, Erfahrung und bewusste Reflexion. Genau hier setzt die Leadership Talent Academy an.

 

„So verbinden wir unternehmerische Kontinuität mit neuer Perspektive, zum Nutzen der Studierenden und der gesamten regionalen Unternehmenslandschaft.“

 Prof. Dr. Jörg Büechl

KSG: Die ESB Business School legt einen besonderen Wert auf die Zusammenarbeit mit regionalen mittelständischen Unternehmen. Was steckt dahinter und welchen Mehrwert erwarten Sie für die teilnehmenden Studierenden und für die Unternehmenslandschaft in Reutlingen?

JB: Die Region Reutlingen, wie viele wirtschaftsstarke Regionen in Baden-Württemberg, steht vor einer zentralen strukturellen Herausforderung: In absehbarer Zeit suchen deutlich mehr familiengeführte Unternehmen eine Nachfolge, als potenzielle Nachfolger zur Verfügung stehen. Vereinfacht gesagt, kommen heute auf mehrere Unternehmen, die übergeben möchten, deutlich weniger Personen, die bereit sind, diese Verantwortung zu übernehmen.

Gleichzeitig erleben wir eine sehr positive Dynamik im Bereich Gründung und Entrepreneurship. Dass viele junge Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollen, ist ein starkes Signal für Innovationskraft und langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Uns ist es jedoch wichtig, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass unternehmerische Verantwortung nicht nur durch Neugründung entsteht, sondern auch durch die Übernahme und Weiterentwicklung bestehender, erfolgreicher Unternehmen.

Genau hier setzt die Zusammenarbeit mit regionalen mittelständischen Unternehmen an. Für die Studierenden eröffnet sich die Möglichkeit, Nachfolge als realistische und attraktive mittel- bis langfristige Karriereoption kennenzulernen. Sie erhalten Einblicke in bestehende Geschäftsmodelle, gewachsene Unternehmenskulturen und konkrete Führungsherausforderungen. Für die Unternehmen entsteht im Gegenzug ein Raum, um frühzeitig mit potenziellen Führungspersönlichkeiten in den Dialog zu treten. So verbinden wir unternehmerische Kontinuität mit neuer Perspektive, zum Nutzen der Studierenden und der gesamten regionalen Unternehmenslandschaft.

„Für uns ist Künstliche Intelligenz keine rein technologische Frage, sondern vor allem eine Führungs- und Verantwortungsfrage.“

Prof. Dr. Jörg Büechl

KSG: Auch das Thema Künstliche Intelligenz hat bereits seinen Platz in Ihrer Hochschullandschaft. Wie bereitet das Programm die Stipendiaten auf Herausforderungen im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz vor?

JB: Für uns ist Künstliche Intelligenz keine rein technologische Frage, sondern vor allem eine Führungs- und Verantwortungsfrage. Deshalb verfolgt die Leadership Talent Academy bewusst einen zweigleisigen Ansatz: Wir verbinden fundiertes Verständnis für KI-Anwendungen mit einer klaren ethischen und werteorientierten Reflexion.

Auf der einen Seite setzen wir uns intensiv mit digitaler Führung auseinander. Wir diskutieren, was sich durch KI in Führung und Organisation tatsächlich verändert, wo digitale Führung scheitert und wie sie gelingen kann. Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf ethischen Konflikten und Dilemmata rund um KI, etwa beim Umgang mit Datenmacht, algorithmischen Entscheidungen oder Fragen der Fairness. Dabei arbeiten die Teilnehmenden mit praxisnahen Formaten, unter anderem mit der „Ethischen Toolbox“ des Weltethos-Instituts, um ethische Entscheidungsfähigkeit und eine klare Sprache im Umgang mit diesen Themen zu entwickeln. Ziel ist eine digitale Ethik-Kompetenz, die sich auch im Alltag handlungsfähig zeigt.

Auf der anderen Seite legen wir großen Wert auf praktische KI-Kompetenz. Die Teilnehmenden lernen die zentralen Treiber der aktuellen KI-Entwicklung zu verstehen, erhalten einen Überblick über relevante KI-Tools und entwickeln eigene KI-Agenten, die sie konkret in ihrem beruflichen Alltag einsetzen können. So entsteht ein realistisches Verständnis dafür, was KI heute leisten kann und wo ihre Grenzen liegen.

Inhaltlich und methodisch arbeiten wir dabei eng mit starken Partnern zusammen, unter anderem mit der Cyber Valley GmbH, dem führenden Forschungskonsortium für Künstliche Intelligenz und Robotics, sowie mit dem Tübingen AI Center. Diese Verbindung von technologischer Exzellenz und werteorientierter Reflexion ist uns besonders wichtig. Denn verantwortungsvolle Führung im KI-Zeitalter bedeutet nicht nur, neue Technologien zu nutzen, sondern sie bewusst, reflektiert und im Sinne des Menschen einzusetzen.

Vielen Dank für das Interview.