Serendipität – und was das mit Entrepreneurship zu tun hat. Jedes Jahr wird auf der Interdisziplinären Jahreskonferenz zu Entrepreneurship, Innovation und Mittelstand (G-Forum) der „KSG Entrepreneurship Research Award“ verliehen.
Breits in 2024 ging die mit 4.000 Euro dotierte Auszeichnung an Jan Poblocki, Dr. Andrea Greven und Prof. Dr. Malte Brettel von der RWTH Aachen. Das Team beschäftigte sich in seiner Arbeit mit der Frage, wie die unternehmerische Umgebung eines Landes jungen Unternehmen dabei helfen kann, zufällig auf neue, wertvolle Entdeckungen zu stoßen.
Die Forschenden nennen dieses Phänomen „Serendipität“ – das heißt, man findet etwas Wertvolles, obwohl man eigentlich nach etwas anderem gesucht hat.
Untersucht wurden unter anderem, wie viel Kapital in einem Land für Startups bereitsteht, wie stark Bildung und Forschung gefördert werden und wie sehr Menschen an ihre eigenen unternehmerischen Fähigkeiten glauben.
Die Ergebnisse zeigen, dass ein gutes Selbstvertrauen in die eigene unternehmerische Stärke Serendipität fördert. Überraschend ist dagegen, dass zu viel verfügbares Kapital den gegenteiligen Effekt haben kann. Sofia Delgado sprach für die Karl Schlecht Stiftung mit dem Preisträger Jan Poblocki über seine Arbeit.
„Ich habe eine besonders große Chance für junge Unternehmen gesehen, die oftmals nicht die Mittel für Forschung als Quelle für Opportunitäten haben und gleichzeitig nicht auf Glück bauen können.“
Jan Poblocki
Karl Schlecht Stiftung (KSG): Was hat Sie persönlich an der Serendipity-Theorie im Kontext von Unternehmertum fasziniert und was war der Auslöser, sich wissenschaftlich mit diesem Thema zu beschäftigen?
Jan Poblocki (JP): Man könnte sagen, dass Serendipity selbst der Anlass war. Im Rahmen meiner Dissertation habe ich mich zunächst sehr intensiv mit einem anderen Thema im Bereich Resourceful Behaviors beschäftigt. In dem Zusammenhang habe ich einen Artikel von Fultz & Hmieleski im Journal of Business Venturing gelesen, der die Beziehung zwischen Resourceful Behaviors und Serendipity untersucht. Ich fand Serendipity so spannend, dass ich weitere Artikel zum Thema las. Ich war begeistert davon, wie viele Entdeckungen Serendipity entsprungen sind (beispielsweise Viagra, die Mikrowelle, der Herzschrittmacher und Penicillin). Hierin habe ich eine besonders große Chance für junge Unternehmen gesehen, die oftmals nicht die Mittel für Forschung als Quelle für Opportunitäten haben und gleichzeitig nicht auf Glück bauen können.
KSG: Serendipität ist bislang eher ein philosophisches Konzept. Welche methodischen Herausforderungen hatten Sie bei der wissenschaftlichen Annäherung an ein so schwer greifbares Phänomen? Wie kann man valide Werte erhalten?
JP: Die Herausforderung liegt zunächst einmal darin, Serendipity von anderen Konstrukten wie Glück und Forschung abzugrenzen. Ebenso wie diese Konstrukte kann Serendipity eine Quelle von Opportunitäten sein. Allerdings erfordert Serendipity eine aktive Handlung einer Person, die dazu im Stande ist, eine potenziell wertvolle Überraschung wahrzunehmen. Hier liegt der Unterschied zum Glück, welches laut Definition kein aktives Zutun erfordert. Die Abgrenzung zur Forschung entsteht dadurch, dass Serendipity keinem Prozess oder Leitfaden folgt.
Darüber hinaus muss der Wert in Serendipity erst materialisiert werden. Es reicht also nicht aus, eine potenziell werthaltige Entdeckung zu machen. Man muss diese entwickeln und nutzen.
Die empirische Forschung zu Serendipity steht noch relativ am Anfang. Wir haben in unserer Forschung Serendipity über die Skala von Fultz & Hmieleski (2021) gemessen. Hier haben wir Gründerinnen und Gründer in West- und Nordeuropa beispielsweise befragt, ob sie bei der Suche nach Lösungen für ein Problem regelmäßig Lösungen für ein komplett anderes Problem finden. Die Antworten auf die sechs Fragen zu Serendipity wurden jeweils auf einer 7-Punkte Likert-Skala gemessen (1 = starke Ablehnung; 7 = starke Zustimmung).
„Serendipity erfordert eine aktive Handlung einer Person, die dazu im Stande ist, eine potenziell wertvolle Überraschung wahrzunehmen.“
Jan Poblocki
KSG: In Ihrer Studie identifizieren Sie „agency“ und „value“ als notwendige Bedingungen für Serendipität. Was verbirgt sich hinter diesen Begriffen und wie lassen sich diese beiden Konzepte im Alltag junger Gründer und Gründerinnen konkret beobachten?
JP: Laut der Serendipity Theory von Christian Busch (2022), bilden „agency“ und „value“ zusammen mit „surprise“ die drei notwendigen Voraussetzungen für das Entstehen von Serendipity.
„Agency“ beschreibt die aktive Suche einer vorbereiteten Person nach Lösungen. Das heißt, dass jemand, der Serendipity erfährt sich vorher aktiv mit einer Materie auseinandergesetzt haben muss. Serendipity erfordert also ein gewisses Maß an Hartnäckigkeit.
„Value“ beschreibt den potenziellen Wert in einem überraschenden Ereignis. Dieses muss als wertvoll erkannt werden. Das bloße Erkennen des Wertes reicht allerdings noch nicht aus und der Wert muss erst materialisiert werden. Das heißt, dass weitere Zeit, Arbeit und Investitionen notwendig sind, um den Wert tatsächlich nutzbar zu machen. Wert ist darüber hinaus relativ. Das zufällige Ereignis erhält seinen Wert durch den Kontext. Es muss zu den Umständen, der Person, dem Unternehmen und der Situation passen, in der es entdeckt wird. Was für eine Person Wert hat, mag für eine andere Person oder ein anderes Unternehmen wertlos sein.
KSG: Ihre Ergebnisse zeigen, dass staatlich geförderte Kapitalverfügbarkeit negativ mit Serendipity korreliert. Wie erklären Sie sich diesen Zusammenhang?
JP: Wir argumentieren, dass Serendipity unter Herausforderungen entsteht, die unkonventionelle Ansätze fördern, da die perfekten Ressourcen nicht vorhanden sind. In einem Umfeld auf Landesebene, in dem Kapital für Startups und Scaleups nicht im Überfluss vorhanden ist, müssen Gründerinnen und Gründer alternative Wege finden. Auf diesen alternativen Wegen tritt Serendipity deutlich häufiger auf.
Wir hypothetisieren, dass es für den negativen Zusammenhang zwischen Kapital für Startups und Scaleups auf Landesebene und Serendipity drei Gründe gibt.
Zum einen fördert eine hohe Kapitalverfügbarkeit strukturierte Evaluationsprozesse von Startups, um das Risiko für Investoren zu minimieren. Startups investieren Zeit in Businesspläne, Marktanalysen und „Proof of Concept“ Nachweise. Unkonventionelle und auf Serendipity basierende Lösungen werden unter diesen Umständen nicht verfolgt, da sie nicht in Businesspläne passen oder aus Investorensicht als zu riskant erscheinen.
Des Weiteren resultiert eine gute Verfügbarkeit von Kapital in weniger Bricolage. Bricolage beschäftigt sich mit der Nutzung von verfügbaren Ressourcen. Unternehmen, die viel Bricolage anwenden, erstellen schneller Prototypen und testen schneller, auch wenn Designs nicht perfekt sind. Diese unperfekten Designs erhöhen die Wahrscheinlichkeit von unerwarteten, aber wertvollen Lösungen.
Zuletzt beobachten Gründerinnen und Gründer andere Unternehmer, die mit konventionellen und investorfreundlichen Ansätzen erfolgreich sind und hohe Unternehmensbewertungen erzielen. Basierend auf dem Observational Learning Konzept der Social Cognitive Theory von Bandura werden Verhaltensweisen anderer repliziert, wenn diese als aussichtsreich wahrgenommen werden. Unkonventionelle Ansätze und Lösungen werden als weniger aussichtsreich für erfolgreiches Fundraising eingeschätzt und im Ergebnis nicht verfolgt.
„Wir argumentieren, dass Serendipity unter Herausforderungen entsteht, die unkonventionelle Ansätze fördern, da die perfekten Ressourcen nicht vorhanden sind.“
Jan Poblocki
KSG: Demgegenüber wirkt unternehmerische Selbstwirksamkeit förderlich für Serendipität. Wie können, kurzgefasst, junge Unternehmen gefördert werden, ohne ihre kreative Entfaltung zu behindern?
JP: Unternehmerische Selbstwirksamkeit auf Landesebene kann auf vielfältige Weisen gefördert werden. Am Ende ist das Ziel, dass sich Personen in einer Gesellschaft dazu im Stande fühlen, erfolgreiche Unternehmer zu sein.
Als Gesellschaft müssen wir eine positive Fehlerkultur etablieren und Unternehmer stärker als Vorbilder positionieren. Auch die Integration von Unternehmertum in Bildung und Ausbildung ist hier wichtig. Damit hat auch die Gesetzgebung eine wichtige Rolle in der Förderung von Serendipity auf Landesebene. Ebenso sind Mentoren essenziell, um unternehmerische Selbstwirksamkeit aufzubauen.
Deutschland war zwar nicht Teil unseres Samples, allerdings gibt es mit Blick auf unternehmerische Selbstwirksamkeit auf Landesebene hier noch erhebliches Potenzial.
Der Wert für unternehmerische Selbstwirksamkeit auf Landesebene liegt hier fast ein Drittel unter dem Mittelwert der west- und nordeuropäischen Länder in unserem Sample.
KSG: Wie sehen Sie die Rolle von Zufall, Intuition und Nicht-Planbarkeit in der zunehmend datengetriebenen Innovationswelt?
JP: Ich glaube, dass dies nicht das Ende von Serendipity bedeutet, sondern ganz neue Möglichkeiten eröffnet und als Katalysator wirken kann.
Die immer performanteren Möglichkeiten, unstrukturierte Daten zu analysieren, geben uns die Möglichkeit, sehr viel schneller überraschende Zusammenhänge zu identifizieren. Diese können potenziell werthaltig sein. Die Materialisierung des potenziellen Wertes in Serendipity wird dadurch aber nicht weniger wichtig. So bedeutet eine Korrelation in Daten nicht automatisch, dass eine Kausalität vorliegt.
„Im Zusammenhang mit jungen Unternehmen haben wir uns oft die Frage gestellt, ob Serendipity zu mehr und radikaleren Pivots führt und dadurch Unternehmen erfolgreicher macht.“
Jan Poblocki
KSG: Zum Schluss: Was wären aus Ihrer Sicht die nächsten Schritte in der Forschung zu Serendipität? Welche offenen Fragen sehen Sie?
JP: Es gibt noch viele spannende Fragestellungen, die im Zusammenhang mit Serendipity noch ergründet werden können. Insbesondere die Auswirkungen und der Materialisierungsprozess können weiter ergründet werden. Im Zusammenhang mit jungen Unternehmen haben wir uns oft die Frage gestellt, ob Serendipity zu mehr und radikaleren Pivots führt und dadurch Unternehmen erfolgreicher macht. Auch wäre spannend zu untersuchen, ob Serendipity auch negative Auswirkungen haben kann. Bislang ist der wissenschaftliche Diskurs sehr auf die positiven Seiten bedacht. Andererseits „macht Gelegenheit Diebe“. Ob es hier einen Zusammenhang mit Serendipity gibt, fänden wir spannend zu untersuchen.
Wir sagen vielen Dank für das Interview zu einem ungewöhnlichen Thema