Aktuelles

PHILMO – Mobil, virtuos und virtuell im Ländle unterwegs

04.03.2026

Wie ein mobiles Hightech-Orchester die klassische Musik zu den Menschen bringt. Ein Interview mit Paul Louis Jacot, Dirigent & Projektleiter und Valentin Bauer, Veranstaltungstechniker

Kulturelle Bildung darf nicht vom Wohnort abhängen. Gerade Kinder und Jugendliche in ländlichen Regionen haben oft kaum die Möglichkeit, ein Symphonieorchester live zu erleben. Es fehlen Konzertsäle, Anbindung und niedrigschwellige Angebote. Mit dem Projekt PHILMO der Württembergischen Philharmonie Reutlingen wird das Orchester dorthin gebracht, wo es sonst nicht hinkommt: direkt zu den Menschen.

Nach rund zwei Jahren Konzeption, technischer Entwicklung und pädagogischer Ausarbeitung ist das rollende Philharmonie-Erlebnis seit Frühjahr 2024 in Baden-Württemberg unterwegs. Ausgestattet mit neuster Virtual-Reality-Technologie, Instrumenten und modularen Workshop-Formaten verwandelt das PhilMo-Fahrzeug Schulen oder Marktplätze temporär in Konzertsäle.

Seit November 2024 durch die Karl Schlecht Stiftung gefördert, verfolgt das Projekt das Ziel, vornehmlich Kindern und Jugendlichen unabhängig von Herkunft und Wohnort einen zeitgemäßen Zugang zur Welt der klassischen Musik zu eröffnen.

Karl Schlecht Stiftung (KSG): Viele junge Menschen bewegen sich heute selbstverständlich zwischen digitalen und virtuellen Welten. Welche Bedeutung kann kulturelle Bildung Ihrer Meinung nach in dieser Realität für die individuelle Entwicklung und das gesellschaftliche Miteinander übernehmen?

Paul Jacot (PJ): Kulturelle Bildung eröffnet jungen Menschen einen Erfahrungsraum, der über reine Wissensvermittlung hinausgeht. Musik schafft Empathie, Konzentration und die Fähigkeit zuzuhören, Qualitäten, die in einer schnellen (oberflächlichen) digitalen Welt besonders wichtig sind. Gerade ein Sinfonieorchester zeigt, wie Zusammenarbeit funktioniert: Viele Individuen gestalten gemeinsam etwas Größeres. Für uns ist kulturelle Bildung daher kein „Extra“, sondern ein zentraler Bestandteil gesellschaftlicher Entwicklung. Projekte wie das PhilMo ermöglichen Begegnungen mit klassischer Musik auch dort, wo der Weg ins Konzert ansonsten schwierig wäre (nicht nur räumlich), und stärken damit Teilhabe und kulturelle Chancengleichheit.

„Musik schafft Empathie, Konzentration und die Fähigkeit zuzuhören, Qualitäten, die in einer schnellen (oberflächlichen) digitalen Welt besonders wichtig sind.“

Paul Jacot

KSG: Musikalische Teilhabe ist stark von sozialen und regionalen Voraussetzungen geprägt. Welche Leitgedanken haben die Entwicklung von PhilMo bestimmt und welches Kernziel stand für Sie dabei im Mittelpunkt?

PJ: Unser Ziel war und ist es, das Orchester aus dem Konzertsaal heraus in den Alltag der Menschen zu bringen. Das PhilMo sollte ein Türöffner sein – niederschwellig, mobil und vielseitig nutzbar. Deshalb verbindet das Fahrzeug analoge Instrumentenerlebnisse mit digitalen Formaten wie z.B. die VR-Brillen. Wir wollten ein Angebot schaffen, das Neugier weckt und unterschiedliche Zugänge erlaubt: ausprobieren, zuhören. Wichtig war uns außerdem, dass Schulen und soziale Einrichtungen das PhilMo kostenfrei nutzen können, damit gerade Kinder und Jugendliche unabhängig von ihrem Alter, Schule und Wohnort erreicht werden, das dankenswerterweise durch die Karl Schlecht Stiftung ermöglicht wurde.

KSG: Als Dirigent stehen Sie für das unmittelbare Live-Erlebnis im Konzertsaal. Welche Rolle kann ein virtuelles Orchester dabei spielen, eher Ersatz oder vielmehr ein erster Zugang zur analogen Konzertwelt?

PJ: Ein virtuelles Orchester kann das Live-Erlebnis niemals vollständig ersetzen, dafür ist die unmittelbare Energie eines Konzerts zu einzigartig. Der Raum, das Orchester, das Publikum, die Atmosphäre, der Hin- und auch Rückweg, dies alles spielt eine Rolle. Wir verstehen das PhilMo vielmehr als Brücke. Die VR-Erfahrung ermöglicht es, mitten im Orchester zu sitzen und Klang aus einer Perspektive zu erleben, die man eventuell auch nicht im Konzertsaal bekommt. Gerade für junge Menschen kann das ein erster Zugang sein, der Neugier auf echte Konzerte weckt. Wenn jemand nach einer virtuellen Erfahrung Lust bekommt, ein Sinfoniekonzert zu besuchen oder selbst ein Instrument auszuprobieren, dann hat das PhilMo sein Ziel erreicht.

KSG: Viele Schulen verfügen weder über die räumlichen noch über andere Voraussetzungen, um kulturelle Großformate anzubieten. Wie läuft ein typischer Philmo-Einsatz an einer Schule praktisch ab, von der Ankunft des Fahrzeugs bis zum Abschluss der Workshops?

Valentin Bauer (VB): Das ist stark formatabhängig.

Bei VR:
Der Aufbau und die technische Überprüfung beginnen in der Regel etwa eine Stunde vor Workshopbeginn. Gruppen mit bis zu zehn SuS kommen anschließend meist im 25-Minuten-Takt (abhängig von der Länge des gezeigten Films) selbstständig in den Klassenraum. Nach einer kurzen Einführung werden ihnen die VR-Brillen aufgesetzt.

Sobald der Film beendet ist und die Brillen wieder abgenommen wurden, folgt in der Regel ein kurzes Abschlussgespräch über das Gesehene bzw. Gehörte sowie über die zugrundeliegende Technik. In Verbindung mit IKARUS ist dies besonders spannend, da die gleichen Musikerinnen und Musiker im Film zu sehen sind.

Bei der Schnitzeljagd:
Die Route wird in der Regel einen Tag vorher geplant und abgegangen, um sicherzustellen, dass der zeitliche Ablauf funktioniert. Meist sind wir etwa 1,5 Stunden vor Beginn vor Ort, um die QR-Codes anzubringen, die Strecke zu kontrollieren sowie die Tablets und deren Software zu aktivieren.

Nach einer kurzen Einführung erhalten Gruppen mit bis zu sechs SuS jeweils ein Tablet und ein Klemmbrett, auf dem sich ein Umschlag sowie ein Blatt für Notizen befinden. Anschließend werden für etwa 1,5 Stunden Rätsel gelöst und die Route abgegangen, während wir die Gruppen begleiten und bei Bedarf unterstützend eingreifen.

Auch hier gibt es abschließend ein kurzes Gespräch über das Erlebte und Gelernte.

KSG: PhilMo arbeitet mit Virtual Reality, immersivem Sound und interaktiven Lernformaten. Was befindet sich konkret im PhilMo-Fahrzeug, und wie ermöglichen etwa 3D-Brillen das Erleben eines Symphonieorchesters „von innen“?

Auch hier ist die Ausstattung formatabhängig.

Bei VR:

  • 10 VR-Brillen
  • 10 Drehstühle
  • Router
  • Computer
  • Desinfektionstücher etc.

Bei der Schnitzeljagd:

  • 20 Tablets
  • 20 Klemmbretter

Bei IKARUS und „Profis im Klassenzimmer“:

  • entsprechende Orchesterinstrumente + Musikerinnen und Musiker der Württembergischen Philharmonie Reutlingen

Bei Lounge-Formaten:

  • Loungestühle
  • Beleuchtung verschiedenster Art
  • Informationsmaterial

Durch die VR-Brillen erhält man einen besonderen Einblick in das Orchester. Man sitzt im Film nicht wie gewöhnlich vor den Musikerinnen und Musikern, sondern mitten im Geschehen – so nah, dass man ihnen in die Noten schauen kann.

Es gibt verschiedene Perspektiven, bei denen man auch erhöht sitzt und das Orchester von oben erlebt. Dadurch wird das Zusammenspiel der einzelnen Instrumentengruppen besonders anschaulich und nachvollziehbar.

„Im Nachhinein wird oft über bestimmte Details gesprochen, zum Beispiel darüber, dass eine Pauke oder eine Harfe Pedale besitzt.“

Valentin Bauer 

KSG: Für die Bewertung von Bildungsprojekten spielt Reichweite eine wichtige Rolle. Wie viele Kinder und Jugendliche konnten mit PhilMo seit dem Start 2024 bislang erreicht werden und in welchen Kontexten findet das Projekt überwiegend statt?

VB: Erreichte Personen:

  • 3.182 Personen im Alter von 0–10 Jahren
  • 2.160 Personen im Alter von 10–18 Jahren
  • 1.276 Personen im Alter von 18–99 Jahren

Die Einsätze finden überwiegend in Schulen oder im Rahmen schulischer Veranstaltungen statt. Darüber hinaus ist Philmo auch bei öffentlichen Veranstaltungen vertreten, beispielsweise auf Marktplätzen, Stadtfesten oder (Kinder-)Sportveranstaltungen.

KSG: Neben quantitativen Zahlen ist auch die unmittelbare Wirkung entscheidend. Wie reagieren Kinder und Jugendliche typischerweise, wenn sie zum ersten Mal mit dem virtuellen Orchester in Kontakt kommen? Was können Sie beobachten?

JB: Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Jüngere Kinder sind meist gebannt vom Orchester und fasziniert vom Gesamtspektakel. Ältere Kinder interessieren sich häufig besonders für einzelne Instrumente. Im Nachhinein wird oft über bestimmte Details gesprochen, zum Beispiel darüber, dass eine Pauke oder eine Harfe Pedale besitzt.

KSG: Digitale Formate erzeugen oft zunächst Faszination durch die Technik selbst, vor allem bei der jüngeren Zielgruppe. Besteht die Gefahr, dass die technische Dimension stärker im Vordergrund steht als die Musik, oder gelingt es, über die Technologie tatsächlich ein nachhaltiges Interesse an klassischer Musik zu wecken?

VB: Viele Kinder interessieren sich zunächst vor allem für die Technik. Nach dem Film entstehen jedoch häufig Fragen zum Orchester oder zu spezifischen Instrumenten, sodass die Aufmerksamkeit zunehmend auf die Musik selbst gelenkt wird.

„Besonders berührend ist der Moment, wenn aus anfänglicher Skepsis echte Begeisterung wird.“

KSG: Die Arbeit mit Musik kann sehr unmittelbare und emotionale Momente schaffen. Welche Begegnungen oder Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen sind Ihnen im Rahmen von PhilMo besonders in Erinnerung geblieben?

VB & PJ: Besonders berührend ist der Moment, wenn aus anfänglicher Skepsis echte Begeisterung wird. Viele Kinder steigen mit Neugier oder sogar Zurückhaltung ein, und plötzlich sitzen sie virtuell mitten im Orchester, probieren Instrumente aus oder entwickeln eigene Beats aus Klängen. Diese Mischung aus Staunen, Freude und Selbstwirksamkeit prägt uns als Team sehr. Für uns ist es ein Erfolg, wenn junge Menschen merken, dass klassische Musik kein fernes Hochkultur-Symbol ist, sondern etwas, das sie unmittelbar erleben und mitgestalten können. Genau diese Begegnungen zeigen, warum es sich lohnt, mit einem „mobilen Orchester“ dorthin zu fahren, wo sonst kein Konzertsaal steht.