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Wie das Format „RICHTIG BEEF“ zu einer neuen Debattenkultur beitragen will

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© Weltethos
19.08.2026

Gesellschaftliche Debatten werden zunehmend schärfer geführt. Soziale Medien verstärken Polarisierung und Missverständnisse. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach einem respektvollen und konstruktiven Austausch über kontroverse Themen. Genau hier setzt das Format „RICHTIG BEEF“ des Weltethos-Instituts an, welches von der Karl Schlecht Stiftung gefördert wird.

In hybriden Live-Veranstaltungen und begleitenden Videoformaten diskutieren Expertinnen und Experten kontroverse Fragen auf Augenhöhe, engagiert, pointiert und dennoch fair. Mitentwickelt wurde das Format von Anna Tomfeah, Leiterin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Weltethos-Institut in Tübingen. Im Interview spricht sie über die Idee hinter „RICHTIG BEEF“, die Bedeutung einer gesunden Streitkultur und darüber, wie ethisch korrektes Streiten gelingen kann. 

© Bild: Weltethos Institut

KSG: Frau Tomfeah, wie entstand die Idee für das Format „RICHTIG BEEF“ und welche Lücke soll es in der heutigen Debattenlandschaft schließen? 

Anna Tomfeah (AT): Die Idee ist aus einer doppelten Beobachtung entstanden: Einerseits meiden viele Menschen kontroverse Themen inzwischen aus Angst vor Abwertung oder Dissens – man zieht sich lieber zurück, als sich einer unangenehmen Debatte zu stellen. Andererseits erleben wir in sozialen Medien das Gegenteil: enthemmte, oft destruktive und inhaltlich teilweise stark verkürzte Auseinandersetzungen ohne echten Austausch. Dazwischen klafft eine Lücke – der Raum für Streit, der auch mal hart in der Sache sein kann, aber fair im Umgang ist. „RICHTIG BEEF" will genau dafür ein Format bieten, in dem Meinungsverschiedenheit nicht Bedrohung, sondern Erkenntnisquelle ist. Der Begriff „Beef" ist bewusst provokant gewählt – er signalisiert, dass es wirklich zur Sache gehen darf, aber ebenso, dass es ein produktiver Austausch bleibt, bei dem alle Parteien dazulernen können. Beef also ja, aber eben richtig. 

KSG: Wie hat sich die Streitkultur in den vergangenen Jahren verändert und welche Antwort möchte das Weltethos-Institut mit dem neuen Format darauf geben? 

AT: Man kann im digitalen Raum eine Meinungspolarisierung beobachten, die weniger inhaltlich als strukturell bedingt ist: Algorithmen belohnen Zuspitzung, nicht Differenzierung. Das führt zu einer Verschiebung von der Sachebene auf die Identitätsebene – man diskutiert nicht mehr über eine Position, sondern gegen eine Person oder Gruppe. Und: Wer zuspitzt oder aufregt, erhöht die eigenen Chancen im Aufmerksamkeitswettbewerb.  
Gleichzeitig sinkt die Toleranz für Ambivalenz; komplexe Themen werden in binäre Lager gepresst. Unsere Antwort darauf ist keine Harmonisierung des Streits, sondern seine Kultivierung: Wir wollen zeigen, dass Kontroverse und Respekt kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig bedingen – echter Dissens braucht ein Mindestmaß an gegenseitiger Anerkennung, sonst wird er zur Konfrontation ohne Erkenntnisgewinn oder zum Konsenszwang ohne produktiven Austausch. 

„Der Begriff „Beef“ ist bewusst provokant gewählt – er signalisiert, dass es wirklich zur Sache gehen darf, aber ebenso, dass es ein produktiver Austausch bleibt, bei dem alle Parteien dazulernen können. Beef also ja, aber eben richtig.“

Anna Tomfeah

KSG: Das Weltethos-Institut hat das Jahresthema 2026 „Medien, Macht und Menschlichkeit“ ausgerufen. Welche Rolle spielen Medien heute für unsere Art zu diskutieren und Meinungen zu bilden? 

AT: Medien sind heute nicht mehr nur Vermittler, sondern aktive Gestalter der Diskursarchitektur. Die Auswahl dessen, was sichtbar wird – und wie – prägt, welche Positionen überhaupt als legitim wahrgenommen werden. Das ist eine enorme Macht, die mit entsprechender Verantwortung einhergeht. Für die Meinungsbildung bedeutet das: Wer nur in seiner eigenen Filterblase kommuniziert, verwechselt Bestätigung mit Erkenntnis. Menschlichkeit in der Medienarbeit heißt für mich, Komplexität nicht der Reichweite zu opfern und Formate zu schaffen, die Widerspruch aushalten, statt ihn zu glätten oder zuzuspitzen. Es geht darum, anzuerkennen, dass Vielfalt der Perspektiven kein zu tilgendes Problem, sondern eben eine echte Chance und unverrückbare Grundlage der Demokratie ist. Wenn wir den Dissens als eine Sportart mit Fair Play kultivieren, können wir üben, wie es ist unterschiedlicher Meinung zu sein, aber trotzdem zum gemeinsamen Spiel beizutragen. Allerdings muss es dafür eben auch Grenzen geben: man muss darauf achten, wer am Spiel auch wirklich interessiert ist, oder wer es unfair zu boykottieren sucht. 

KSG: Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema der glaubwürdigen Kommunikation und haben dazu 2021 auch ein Buch veröffentlicht. Was macht Kommunikation aus Ihrer Sicht glaubwürdig? 

AT: Mit Blick auf Glaubwürdigkeit ist mir die Unterscheidung zwischen Ethos und Image zentral. Image ist die bewusst gestaltete positive Außendarstellung – etwas, das man für die Außendarstellung herstellt. Das kann eine Firmenwebseite sein, eine Imagekampagne oder andere Formen öffentlicher Kommunikation. 
Ethos hingegen, meint im aristotelischen Sinn, die wahrgenommene Übereinstimmung von Wort, Haltung und Handlung einer Person über die Zeit – die tatsächlich gelebten Werte. Man kann sich ein Image geben, aber Ethos zeigt sich im Handeln.  Für nachhaltige Beziehungen ist Glaubwürdigkeit eine zentrale Grundlage, sei es im privaten, im wirtschaftlichen oder politischen Kontext. Entscheidend ist nämlich: Glaubwürdigkeit entsteht nie im Sender allein, sondern immer in der Zuschreibung durch das Publikum. Deshalb ist Transparenz über die eigene Position und Konsistenz über die Zeit wichtiger als rhetorische Perfektion in einzelnen Kampagnen oder Reden. Und sie zahlt ein auf ein vertrauensvolles Miteinander, von dem wir am Ende – das zeigt die Studie von Nils Goldschmidt und weiteren über den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Zusammenhalt und wirtschaftlichen Erfolg – alle profitieren. 

„Algorithmen belohnen Zuspitzung, nicht Differenzierung. Das führt zu einer Verschiebung von der Sachebene auf die Identitätsebene – man diskutiert nicht mehr über eine Position, sondern gegen eine Person oder Gruppe.“

Anna Tomfeah

KSG: „Richtig Beef“ versteht sich als Format für kontroverse, aber respektvolle Debatten. Was bedeutet für Sie eine gute Streitkultur? Wie kann ethisch korrektes Streiten gelingen, gerade dann, wenn Positionen weit auseinanderliegen? 

AT: Eine gute Streitkultur beruht für mich auf drei Prinzipien: erstens der Trennung von Person und Position – man kann eine Aussage scharf kritisieren, ohne die Würde des Gegenübers infrage zu stellen. Zweitens dem Prinzip des Wohlwollens, also der Bereitschaft, von der gegnerischen Position nicht anzunehmen, dass sie nicht klug genug oder fehlerhaft sei. Und drittens die Offenheit, andere Argumente wie auch eigene Ansichten gegebenenfalls überdenken zu können – sonst ist es kein Dialog, sondern nur parallele Verkündigung. Gerade bei großer Distanz zwischen den Positionen hilft es, zunächst nach dem zugrundeliegenden Wert zu fragen, den beide Seiten eigentlich schützen wollen – oft liegt dort mehr Gemeinsamkeit, als die Oberfläche der Debatte vermuten lässt. 

KSG: Das Weltethos-Institut bietet neben Veranstaltungen im Bereich Wirtschaft, Ethik und Gesellschaft – auch Seminare rund um Kommunikation und Dialog an. Welche Erfahrungen machen Sie dort mit den Teilnehmenden? Liegt die Streitkultur unter den Teilnehmenden weit auseinander oder gibt es doch ein Konsens? 

AT: Eigentlich sind alle Lehrveranstaltungen am Weltethos-Institut immer auch dialogisch konzipiert. Es geht immer darum, dass wir versuchen einen Lernraum zu bieten, indem sich unterschiedliche Perspektiven erstmal begegnen dürfen. Interessanterweise liegt der Dissens meist nicht dort, wo man ihn erwartet. Über den Wert eines respektvollen Umgangs besteht fast immer Konsens – Uneinigkeit gibt es vielleicht manchmal eher bei der Frage, was „respektvoll" im konkreten Fall bedeutet: Darf man unterbrechen? Wie viel Emotion ist legitim? Ist Ironie noch fair? Diese Uneinigkeit über die Ausgestaltung, bei gleichzeitiger Einigkeit über den Grundwert, ist ein gutes Beispiel für den Unterschied zwischen Werten und Normen – und genau das machen wir in den Workshops erfahrbar.  Davon abgesehen gebe ich ab nächstem Wintersemester zum ersten Mal ein Praxisseminar zum Thema „Alles Krise? Konfliktmanagement in der öffentlichen Kommunikation“ – da werde ich dann sehen, wie es um die Streitkultur zumindest junger Studierender bestellt ist. In meinen Seminaren im Bereich Interkultureller Dialog ist es bislang immer gelungen, dass unterschiedliche Hintergründe zu mehr Offenheit und Austausch sowie zum Abbau von Vorurteilen geführt haben.  
Und bei den Gästen von RICHTIG BEEF ist es häufig so, dass sie sich durchaus fair begegnen, obwohl sie mitunter sehr unterschiedlich auf ein Thema wie „Klima-“ oder „Steuergerechtigkeit“ blicken.  
 

„Man kann sich ein Image geben, aber Ethos zeigt sich im Handeln“

Anna Tomfeah

KSG: Gibt es aus Ihrer Sicht geschlechtsspezifische Unterschiede in der Art, wie Konflikte und Meinungsverschiedenheiten ausgetragen werden? Welche Rolle spielt dabei die weibliche Perspektive auf Kommunikation und Führung? 

AT: Hier möchte ich vorsichtig sein: Die Forschung zeigt zwar statistische Tendenzen – etwa, dass in manchen Untersuchungen kooperative, beziehungsorientierte Konfliktstile bei Frauen häufiger beobachtet werden als konfrontative –, aber diese Unterschiede sind meist kleiner als die Unterschiede innerhalb der Geschlechter. Ich würde daher nicht von „der weiblichen Perspektive" sprechen, sondern eher davon, dass Führungskulturen, in denen unterschiedliche Kommunikationsstile gleichermaßen als kompetent gelesen werden, insgesamt konfliktfähiger sind. Die Beschreibung der Vielfalt an Stilen ist wertvoller als eine Zuschreibung nach Geschlecht – das würde aus meiner Sicht die Komplexität eher verdecken als aufklären. 

KSG: „RICHTIG BEEF“ ist ein hybrides Format mit Video- und Podcast-Inhalten sowie Live-Elementen. Worauf dürfen sich die Teilnehmenden in Zukunft freuen? 

AT: Im November wird die mittlerweile dritte Staffel zum Thema „Gerechtigkeit“ mit der Live-Veranstaltung „Gerecht sparen – aber wie?“ zu Ende gehen. Danach planen wir, gemeinsam mit dem Veranstaltungsteam der Universität Tübingen, RICHTIG BEEF stärker noch als Live-Debatte weiterzuentwickeln. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, zum Beispiel bei der Debatte „Schulden for Future?!“ mit Isabella Sigl-Glöckner und Friedrich Heinemann. Man muss es sich als Fishbowl-Debatte vorstellen, bei der auch das Publikum mit einem eigens dafür kreierten Kartenset auch an der Debatte beteiligen kann, Zustimmung oder Fragen signalisieren, aber auch unfaire Sprache oder ständige Unterbrechungen kritisieren. So sind alle beteiligt daran, dass es ein wertvoller und vielfältiger Austausch wird. Und dadurch, dass wir diese Debatte zu einem relevanten Thema und mit weiterhin hochkarätigen Gästen aufzeichnen werden, ist es auch ein nachhaltiger Beitrag, den Menschen ansehen können, die nicht vor Ort mitdiskutiert haben. Darauf freue ich mich: Weiterhin den guten Streit zu fördern und dabei selbst immer auch dazuzulernen 

Vielen Dank für das Interview! 

Text: Sofia Delgardo