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Was braucht die neue Leader-Generation an Skills?

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© Jacqueline Geng 
04.06.2026

Interview mit Nadine Ketterer, Freiberufliche Psychologin und Projektleitung NEXTLevel-LEAD, Karlsruhe.  Das Thema Führung steht vor tiefgreifenden Veränderungen. In Zeiten von Transformation, Fachkräftemangel und wachsendem Innovationsdruck geraten klassische Führungsmodelle zunehmend an Ihre Grenzen. Sie erfordern ein Umdenken nicht nur in Strategien, sondern auch in der Haltung.

Vor allem im Mittelstand, der vor einer Vielzahl struktureller und konjunktureller Herausforderungen steht, braucht es kompetente Leader. Führung wird anspruchsvoller, komplexer und strategischer. Neben dem operativen Alltag braucht es zunehmend Orientierung in unsicheren und sich schnell wandelnden Zeiten. Doch der Mittelstand steht auch vor einer weiteren Herausforderung. Die Unternehmensnachfolge zählt aktuell zu den drängendsten strukturellen Problemen. Viele Unternehmen stehen vor einen Generationenwechsel. Führung im alten Stil funktioniert nur noch bedingt.

Bei der Nachfolgegeneration, aber auch im Allgemeinen, wächst zunehmend die Erkenntnis, dass Führung neu gedacht werden muss. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen zwischen alter und neuer Generation aufgrund dieser kulturellen und strategischen Brüche. Nachfolge von Führungskräften sollte daher frühzeitig geplant und professionell begleitet werden. Programme wie NEXTLevel-LEAD der Karl Schlecht Stiftung setzen genau hier an: Sie fördern werteorientierte Führung, stärken gesellschaftliche Verantwortung und bereiten die nächste Generation auf die komplexen Herausforderungen der Neuzeit vor. Im Gespräch mit Nadine Ketterer, Psychologin und Coach bei „NEXTLevel-LEAD“ und seit 2026 Mitglied des Vorstands der Stiftung Wissen+Kompetenzen, geht es um die Anforderungen an moderne Führung, die Rolle von Werten im unternehmerischen Kontext sowie warum ein Perspektivwechsel längst überfällig ist.

Karl Schlecht Stiftung (KSG): Frau Ketterer, die unternehmerischen Zeiten sind stürmisch. Der Mittelstand steht vor großen Herausforderungen. Fällt es Unternehmen schwer, bestehende Denkmuster zu hinterfragen und ihren Führungsstil den Gegebenheiten anzupassen?

Nadine Ketterer (NK): Ja, vielfach schon – insbesondere dann, wenn Führung über viele Jahre stark von Stabilität, Kontrolle und klassischen Hierarchien geprägt war. Viele Unternehmen befinden sich aktuell in einem Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem Druck, Fachkräftemangel, Digitalisierung, gesellschaftlichem Wandel und steigender Komplexität. In solchen Situationen greifen Menschen häufig auf bekannte Muster zurück, weil diese scheinbare Sicherheit vermitteln.

Gleichzeitig merken viele Unternehmen aber auch, dass traditionelle Führungsansätze zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Mitarbeitende wünschen sich mehr Sinn, Beteiligung, Vertrauen, Entwicklungsmöglichkeiten und eine wertschätzende Unternehmenskultur. Führungskräfte stehen daher vor der Herausforderung, nicht nur operative Ergebnisse zu liefern, sondern auch Orientierung, psychologische Sicherheit und emotionale Stabilität zu schaffen.

Ich erlebe jedoch auch eine große Bereitschaft zur Veränderung – besonders bei der jüngeren Generation von Führungskräften und Nachfolger:innen. Viele möchten wirksame Führung bewusster und menschlicher gestalten. Genau hier braucht es Räume für Reflexion, neue Perspektiven und professionelle Begleitung.

„Wertebasierte Führung schafft Vertrauen, festigt die Bindung von Mitarbeitenden und unterstützt langfristig auch die Innovations- und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen.“

Nadine Ketterer

KSG: Programme wie „NEXTLevel-LEAD“ setzen stark auf Werte und Gemeinwohlorientierung. Warum gewinnt dieser Ansatz gerade jetzt an Bedeutung?

NK: Weil Unternehmen heute längst nicht mehr nur an wirtschaftlichen Kennzahlen gemessen werden. Mitarbeitende, Kund:innen und auch die Gesellschaft erwarten zunehmend Haltung, Verantwortung und einen bewussten Umgang mit Menschen und Ressourcen.

Gerade in unsicheren Zeiten gewinnen Werte stark an Bedeutung, weil sie Orientierung geben. Wertebasierte Führung schafft Vertrauen, festigt die Bindung von Mitarbeitenden und unterstützt langfristig auch die Innovations- und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen. Dabei geht es nicht um vermeintlich nur „weiche Themen“, sondern um einen klaren Erfolgsfaktor. Studien zeigen zunehmend, dass positive, stärken- und sinnorientierte Führung nicht nur das Wohlbefinden erhöht, sondern auch Motivation, Leistung, Zusammenarbeit und Resilienz fördert. Programme wie „NEXTLevel-LEAD“ greifen diese Entwicklung auf. Sie verbinden wirtschaftliches Denken mit gesellschaftlicher Verantwortung und unterstützen junge Führungskräfte dabei, ihre eigene Haltung zu entwickeln. Ich halte das für zentral; gute Führung entsteht nicht allein durch Methodenkompetenz, sondern vor allem durch Selbstreflexion, Wertebewusstsein und die Fähigkeit, Menschen wirklich zu erreichen.

Nadine Ketterer und Stefan Herzog, der NEXTLevel-LEAD als Vorstand der Stiftung Wissen+Kompetenzen maßgeblich mitimplementiert hat \ © Bild: Jacqueline Geng

KSG: Sie waren an der Organisation der Leadership Talent Academy (LTA) am Karlsruhe Institut für Technologie (KIT) beteiligt und sind heute als Coach tätig. Wie hat dieser Weg Ihre Perspektive auf Führung verändert?

NK: Die Arbeit in der Leadership Talent Academy hat meine Perspektive auf Führung stark geprägt. Ich durfte über mehrere Jahre hinweg junge Talente begleiten, unterschiedlichste Persönlichkeiten erleben und sehr nah beobachten, welche Themen angehende Führungskräfte tatsächlich beschäftigen. Dabei wurde meine Ansicht bestärkt, dass moderne Führung weit über fachliche Kompetenz hinausgehen muss. Die größten Herausforderungen liegen meist nicht im Fachlichen, sondern im Umgang mit Unsicherheit, Konflikten, Kommunikation, Selbstführung und zwischenmenschlicher Dynamik.

Durch meine heutige Tätigkeit als Coach hat sich dieser Blick nochmals vertieft. Ich arbeite mit Menschen in unterschiedlichsten Rollen und Lebenssituationen – von Nachwuchsführungskräften bis hin zu erfahrenen Executives. Dabei zeigt sich immer wieder wie entscheidend Selbstreflexion und Haltung für wirksame Führung sind. Führung bedeutet aus meiner Sicht heute weniger, Antworten vorzugeben, sondern vielmehr Räume zu schaffen, in denen Menschen ihr Potenzial bestmöglich entfalten können.

„Gute Führung entsteht nicht allein durch Methodenkompetenz, sondern vor allem durch Selbstreflexion, Wertebewusstsein und die Fähigkeit, Menschen wirklich zu erreichen.“

Nadine Ketterer 

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KSG: Welche Erfahrungen aus Ihrer bisherigen Arbeit fließen konkret in Ihre Tätigkeit als Coach im Programm „NEXTLevel-LEAD“ ein?

KSG: Vor allem die Verbindung aus psychologischer Expertise, praxisnaher Führungskräfteentwicklung und meiner persönlichen Erfahrung in unterschiedlichen organisationalen Kontexten.

Ich arbeite seit vielen Jahren mit Menschen in Entwicklungs- und Veränderungsprozessen. Dabei begegnen mir immer wieder ähnliche Fragestellungen: Wie finde ich meinen eigenen Führungsstil? Wie führe ich authentisch? Wie gehe ich mit Druck um? Wie schaffe ich Motivation und gleichzeitig gesunde Leistungsfähigkeit? Besonders wertvoll ist für mich dabei der psychologische Blick auf Führung. Führung ist immer auch Beziehungsarbeit. Deshalb fließen Themen wie Stärkenorientierung, Motivation, Kommunikation, Resilienz und Selbstführung stark in meine Arbeit ein. Mir ist dabei wichtig, dass Inhalte nicht nur theoretisch vermittelt werden. Nachhaltige Entwicklung entsteht vor allem durch Reflexion von Erfahrungen, ehrlichem Austausch und konkreter Anwendung. Deshalb arbeite ich gerne mit einem hohen Bezug zum Führungsalltag.

KSG: Das Programm richtet sich an Studierende vor dem Berufseinstieg und Young Professionals mit Vorerfahrung. Es erwartet sie ein wachsender Druck als Führungskraft. Welche spezifischen Kompetenzen sollen im Programm gezielt weiterentwickelt werden?

NK: Die Anforderungen an Führungskräfte verändern sich derzeit sehr stark. Neben fachlicher Kompetenz braucht es heute vor allem die Fähigkeit, mit Komplexität, Unsicherheit und permanentem Wandel souverän umzugehen. NEXTLevel-LEAD unterstützt deshalb gezielt die Entwicklung einer reflektierten, werteorientierten und zukunftsfähigen Führungspersönlichkeit.

Besonders ist dabei die Rolle des Programms als weiterführendes Angebot für Absolvent:innen der „Leadership Talent Academy“ (LTA) der Karl Schlecht Stiftung und von „Your Path to Leadership“ (P2L) der Stiftung Wissen+Kompetenzen. NEXTLevel-LEAD knüpft an schon bereits bestehende Führungserkenntnisse an und schafft einen Raum für vertiefte persönliche Entwicklung, anspruchsvolle Praxiserfahrungen und den Transfer in reale Führungsherausforderungen.

Im Mittelpunkt stehen Themen wie Responsible Leadership, Selbstführung, emotionale Intelligenz, resiliente Führung sowie der konstruktive Umgang mit unterschiedlichen Perspektiven, Generationen und neuen Technologien wie KI. Besonders wertvoll ist dabei der starke Fokus auf Praxiserfahrung und innovative Erlebnisansätze des Programms: etwa Perspektivwechsel in sozialen Einrichtungen, tiergestütztes Feedback, digitale Führungssimulationen sowie ein gemeinsames Intensivwochenende. Dadurch werden neben authentischer Führung und persönlicher Reflexion auch Aspekte für gesellschaftliche Verantwortung auf besondere Weise erlebbar gemacht.

Aus meiner Sicht braucht die neue Generation von Führungskräften vor allem die Fähigkeit, wirtschaftliches Denken, Menschlichkeit und Werteorientierung miteinander zu verbinden – genau hier setzt NEXTLevel-LEAD an.

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KSG: Sie sind zertifizierte PERMA-Lead® Beraterin. Welche Bedeutung hat dieser Ansatz konkret für die Entwicklung von Führungskompetenz im Programm?

NK: PERMA-Lead® ist für mich ein sehr wertvoller und wissenschaftlich fundierter Ansatz. Er überträgt gezielt zentrale Erkenntnisse der Positiven Psychologie auf Führung. Dabei geht es nicht um oberflächliche „Wohlfühlkultur“, sondern um die Frage, wie Menschen langfristig gesund, motiviert, resilient und leistungsfähig bleiben können. Die fünf PERMA-Faktoren – Positive Emotionen, Engagement, Relationships, Meaning und Accomplishment – bieten Führungskräften eine sehr konkrete Orientierung, wie sie Motivation, Vertrauen, Sinn und Entwicklung im Team fördern können.

Auch wenn das PERMA-Lead®-Modell im Programm nicht explizit als festes Framework vermittelt wird, spiegeln sich viele seiner Grundpfeiler in der Gestaltung von NEXTLevel-LEAD wider – sowohl inhaltlich als auch im Umgang mit den Teilnehmenden. Themen wie Stärkenorientierung, Selbstreflexion, sinnorientierte Führung, vertrauensvolle Beziehungen, psychologische Sicherheit und persönliche Entwicklung ziehen sich durch das gesamte Programm.

Gerade junge Führungskräfte erleben heute hohen Druck, Unsicherheit und komplexe Erwartungen. Deshalb ist es aus meiner Sicht entscheidend, bereits früh einen Führungsstil zu entwickeln, der Leistungsorientierung und Menschlichkeit miteinander verbindet. Genau diese Haltung unterstützt auch der Positive-Leadership-Gedanke hinter PERMA-Lead®.

KSG: Das Thema Nachfolge und Führung unterschiedlicher Generationen ist ebenfalls ein Baustein des Programms. Was sind aus Ihrer Sicht die häufigsten Fehler in Nachfolgeprozessen?

NK: Ein häufiger Fehler ist, Nachfolge ausschließlich als organisatorische oder wirtschaftliche Übergabe zu betrachten. Tatsächlich ist sie aber oft auch ein emotionaler und kultureller Prozess. Viele Konflikte entstehen dadurch, dass Erwartungen, Rollen und Werte nicht ausreichend besprochen werden. Die ältere Generation verfügt häufig über ein großes Erfahrungswissen und ein starkes Verantwortungsgefühl, während die heutige jüngere Generation neue Ideen und andere Führungsverständnisse mitbringt.

Wenn hier kein echter Dialog stattfindet, entstehen schnell Spannungen. Besonders problematisch wird es, wenn Vertrauen fehlt oder Nachfolger:innen zwar formal Verantwortung erhalten, aber faktisch wenig Gestaltungsspielraum bekommen.

Aus meiner Sicht braucht erfolgreiche Nachfolge frühzeitige Kommunikation, gegenseitiges Verständnis und professionelle Begleitung. Zudem sollte Nachfolge nicht nur auf Fachwissen fokussieren, sondern auch auf Themen wie Führungsidentität, Rollenklärung und Kulturentwicklung.

Gerade im Mittelstand entscheidet gelungene Nachfolge häufig darüber, ob Unternehmen langfristig stabil und zukunftsfähig bleiben.

„Gute Führung ist kein
'Soft Skill', sondern ein zentraler und für den Erfolg entscheidender Wettbewerbsfaktor.“

Nadine Ketterer

KSG: Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Was wird darüber entscheiden, ob Führung in einem Unternehmen langfristig erfolgreich ist?

NK: Langfristig erfolgreiche Führung wird aus meiner Sicht vor allem davon abhängen, ob es gelingt, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit Menschlichkeit, Sinnorientierung und Anpassungsfähigkeit zu verbinden. Unternehmen brauchen Führungskräfte, die Orientierung geben können. Ich gehe davon aus, dass Führung noch stärker beziehungsorientiert, dialogischer und wertebasierter werden wird. Entscheidend wird außerdem sein, wie gut Unternehmen psychologische Sicherheit, Lernkultur und gesunde Leistungsfähigkeit fördern. Menschen möchten grundsätzlich nicht nur funktionieren, sondern sich entwickeln und mitgestalten und sich somit mit ihrer Arbeit identifizieren können. Gleichzeitig wird Selbstführung immer wichtiger. Führungskräfte stehen selbst unter starkem Druck und müssen lernen, mit Komplexität, Unsicherheit und permanenter Veränderung auch dauerhaft umzugehen.

Ich glaube, dass die erfolgreichsten Unternehmen der Zukunft diejenigen sein werden, die erkennen: Gute Führung ist kein „Soft Skill“, sondern ein zentraler und für den Erfolg entscheidender Wettbewerbsfaktor.

Wir sagen herzlich Danke für das Interview.

Interview: Dr. Sofia Delgado