Ein Anruf für mehr Sicherheit im Alltag von älteren Menschen. Mit gerade einmal 18 Jahren verbindet Julian Schwochert aus Dresden Unternehmergeist mit gesellschaftlicher Verantwortung.
Der Schüler und Gründer von „Helfi-Ruf“ entwickelte eine Idee, die aus einer persönlichen Erfahrung mit seinem Großvater entstand: ein telefonischer Begleitservice für alleinlebende Seniorinnen und Senioren, der Sicherheit, Orientierung und menschliche Nähe im Alltag schafft.
Bei der von der Karl Schlecht Stiftung geförderten Entrepreneurship Talent Academy (ETA) war er dieses Jahr mit dabei, um mehr über Unternehmertum und Gründungsvorhaben zu lernen. Im Interview mit uns spricht er darüber, wie aus einer einfachen Frage ein Sozialunternehmen wurde, aber auch welche Rolle Innovation und Verantwortung für ihn als junger Gründer spielen und was er von der ETA persönlich mitnehmen konnte.
„Für Seniorinnen und Senioren bedeutet das mehr Sicherheit, ohne dass sie sich überwacht fühlen oder ihre Selbstständigkeit aufgeben müssen.“
Julian Schwochert
KSG: Wie hast du das ETA-Kick-off erlebt und welche Impulse hast du daraus für dein Gründungsvorhaben mitgenommen?
Julian Schwochert (JS): Das ETA-Kick-off habe ich als sehr inspirierenden und motivierenden Einstieg erlebt. Besonders wertvoll war für mich, direkt auf andere junge Menschen zu treffen, die ebenfalls gründungsinteressiert sind und ähnliche Fragen, Ideen und Herausforderungen mitbringen. Dadurch ist schnell eine Community entstanden, in der man sich offen austauschen konnte und gemerkt hat, dass man mit dem Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen, nicht allein ist. Auch die Workshops und Gespräche haben mir wichtige Impulse gegeben. Für mein Gründungsvorhaben mit „Helfi-Ruf“ war vor allem hilfreich, die eigene Idee noch einmal aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten: Welches Problem lösen wir wirklich? Für wen schaffen wir den größten Mehrwert? Und wie können wir unsere Lösung so weiterentwickeln, dass sie nicht nur technisch funktioniert, sondern im Alltag bei der Zielgruppe wirklich ankommt?
Das Kick-off hat mich darin bestärkt, „Helfi-Ruf“ konsequent weiterzuentwickeln und noch stärker aus Sicht der Seniorinnen, Senioren und Angehörigen zu denken. Gleichzeitig hat es mir gezeigt, wie wichtig Austausch, Feedback und ein gutes Netzwerk gerade in einer frühen Gründungsphase sind.
KSG: Wann entstand die Idee, „Helfi-Ruf“ zu entwickeln, und was war deine Motivation?
JS: Die Idee zu „Helfi-Ruf“ entstand durch eine persönliche Erfahrung mit meinem Opa. Er lebt allein, möchte aber so lange wie möglich selbstständig in seinem vertrauten Zuhause bleiben. Eines Tages wollte meine Mutter nach der Arbeit nur kurz bei ihm vorbeischauen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Als sie ankam, war er ungewöhnlich müde und verwirrt und konnte kaum noch klar sprechen. Sie rief den Notarzt. Später stellte sich heraus, dass mein Opa den ganzen Tag nichts getrunken und seine Medikamente vergessen hatte. Ich habe erst am Abend davon erfahren und da erst richtig verstanden, wie schnell aus einer scheinbar normalen Alltagssituation ein ernster Notfall werden kann. Wäre meine Mutter an diesem Tag nicht spontan vorbeigefahren, hätte es vermutlich deutlich schlimmer ausgehen können. Besonders hängen geblieben ist mir auch, dass der Notarzt sagte, solche Situationen sehe er immer wieder: ältere Menschen, die zu Hause leben und schleichend in eine kritische Lage geraten.
Danach war in unserer Familie, besonders bei meiner Mutter, ständig die Sorge da: Geht es Opa gut? Hat er getrunken? Hat er seine Medikamente genommen? Gleichzeitig war klar, dass es nicht darum gehen darf, ihn zu überwachen oder ihm seine Selbstständigkeit zu nehmen. Es geht vielmehr darum, ihn im Alltag zuverlässig zu begleiten. Genau daraus ist die Idee für „Helfi-Ruf“ entstanden. Ich habe gemerkt, dass es zwar viele technische Hilfsmittel gibt, aber wenig, das wirklich täglich aktiv nachfragt. „Helfi-Ruf“ soll diese Lücke schließen: durch einen regelmäßigen, freundlichen Anruf, der prüft, ob alles in Ordnung ist, an wichtige Dinge erinnert und Angehörigen mehr Sicherheit gibt.
KSG: Welche Rolle übernimmst du heute und welche Aufgaben liegen in deinem Verantwortungsbereich?
JS: Heute übernehme ich bei „Helfi-Ruf“ die Rolle des Gründers und bin operativ in viele Bereiche direkt eingebunden. Ein Schwerpunkt liegt auf der technischen Entwicklung: Ich arbeite an der Programmierung, teste neue Funktionen und entwickle das System so weiter, dass es zuverlässig und alltagstauglich funktioniert.
Gleichzeitig beschäftige ich mich stark mit der praktischen Umsetzung. Dazu gehören Gespräche mit potenziellen Partnern, die Akquise von Pilotpartnern, der Austausch mit Angehörigen und Einrichtungen sowie die Auswertung erster Rückmeldungen aus der Testphase. Mir ist dabei wichtig, nicht nur aus technischer Sicht auf „Helfi-Ruf“ zu schauen, sondern zu verstehen, was Seniorinnen und Senioren, Angehörige und mögliche Partner wirklich brauchen.
Außerdem gehören organisatorische und strategische Themen zu meinen Aufgaben, zum Beispiel Datenschutz, Positionierung, Kommunikation und die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells. Gerade in einer frühen Phase ist die Rolle sehr vielseitig, weil man als Gründer viele Dinge gleichzeitig voranbringen muss.
KSG: Was zeichnet „Helfi-Ruf“ aus und welchen Mehrwert bietet es insbesondere Seniorinnen und Senioren?
JS: „Helfi-Ruf“ zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es bewusst sehr niedrigschwellig ist. Es braucht keine App, kein neues Gerät und keine technische Umstellung im Alltag der Seniorinnen und Senioren. Ein normales Telefon, ob Festnetz oder Handy, reicht aus. „Helfi-Ruf“ meldet sich zur vereinbarten Zeit von selbst, fragt nach dem Befinden, erinnert bei Bedarf an Medikamente und erkennt, wenn etwas nicht stimmt.
Der große Unterschied zu klassischen Hausnotrufsystemen liegt für mich im präventiven Ansatz. Ein Hausnotruf ist sehr wichtig, setzt aber in vielen Fällen voraus, dass die betroffene Person im Ernstfall noch selbst aktiv einen Knopf drücken kann. „Helfi-Ruf“ wartet nicht erst auf den Notfall, sondern meldet sich regelmäßig von selbst. Dadurch können Auffälligkeiten früher bemerkt werden, zum Beispiel wenn jemand nicht erreichbar ist, ungewöhnlich reagiert oder wichtige Routinen wie Trinken oder Medikamenteneinnahme vergessen werden.
Für Seniorinnen und Senioren bedeutet das mehr Sicherheit, ohne dass sie sich überwacht fühlen oder ihre Selbstständigkeit aufgeben müssen. Der Anruf kann zu einem festen, freundlichen Bestandteil des Tages werden. Für Angehörige entsteht gleichzeitig Entlastung, weil sie wissen, dass regelmäßig nachgefragt wird und sie informiert werden, wenn etwas auffällig ist. „Helfi-Ruf“ soll also nicht Kontrolle ersetzen, sondern Vertrauen schaffen: für die ältere Person selbst und für die Familie im Hintergrund.
„Man lernt nicht nur theoretisch, wie es in der Schule oder im Studium oft der Fall ist, sondern muss direkt in der Praxis Entscheidungen treffen, Gespräche führen, testen, verbessern und Verantwortung übernehmen“
Julian Schwochert
KSG: Welche Herausforderungen begegnen dir bei der Entwicklung einer digitalen Lösung für ältere Menschen?
JS: Eine zentrale Herausforderung ist, digitale Technik so zu gestalten, dass sie von älteren Menschen wirklich akzeptiert wird. Gerade deshalb ist „Helfi-Ruf“ bewusst nicht als klassische App gedacht, sondern setzt auf etwas Vertrautes: einen normalen Telefonanruf. Trotzdem muss im Hintergrund eine digitale Lösung zuverlässig funktionieren. Wichtig ist dabei vor allem Vertrauen. Seniorinnen und Senioren müssen das Gefühl haben, dass sie nicht überwacht werden, sondern dass der Anruf sie unterstützt. Auch Angehörige und Partner müssen darauf vertrauen können, dass das System stabil läuft, Auffälligkeiten richtig erkannt werden und sensible Daten verantwortungsvoll behandelt werden.
Eine weitere Herausforderung ist, in einer eher traditionellen Branche als junger Gründer ernst genommen zu werden. Gerade im sozialen und pflegenahen Bereich braucht es viel Überzeugungsarbeit, persönliche Gespräche und belastbare Tests, um zu zeigen, dass eine neue digitale Lösung nicht unpersönlich sein muss, sondern im Gegenteil den Alltag menschlicher und sicherer machen kann.
KSG: Welche Erfahrungen hast du als junger Gründer gemacht? Welche Chancen, aber auch welche Hürden bringt aus deiner Sicht eine Unternehmensgründung in jungen Jahren mit sich?
JS: Als junger Gründer habe ich vor allem gemerkt, wie viel man in kurzer Zeit lernen kann, wenn man eine Idee wirklich praktisch umsetzt. Der große Vorteil ist, dass man sich kreativ entfalten kann und an einem Thema arbeitet, das einen persönlich antreibt. Man lernt nicht nur theoretisch, wie es in der Schule oder im Studium oft der Fall ist, sondern muss direkt in der Praxis Entscheidungen treffen, Gespräche führen, testen, verbessern und Verantwortung übernehmen. Dadurch baut man sehr früh praktische Fähigkeiten auf, zum Beispiel in Produktentwicklung, Kommunikation, Vertrieb, Organisation und im Umgang mit Partnern. Gleichzeitig lernt man, dass Fehler dazugehören. Gerade am Anfang ist nicht alles perfekt, aber aus Fehlern kann man viel mitnehmen, wenn man sie ehrlich auswertet und beim nächsten Mal besser macht.
Eine Hürde ist, dass eine Gründung sehr viel Zeit und Energie braucht. Man muss Prioritäten anders setzen und oft auch Dinge machen, die vorher komplett neu für einen sind. Dazu kommt, dass man als junger Gründer nicht immer sofort ernst genommen wird, besonders in eher traditionellen Bereichen. Gleichzeitig sehe ich genau darin auch eine Chance: Wenn man gut vorbereitet ist, offen auf Menschen zugeht und zeigt, dass man das Problem wirklich verstanden hat, kann gerade das junge Alter auch positiv wirken, weil man neue Perspektiven und viel Motivation mitbringt.
„Eine weitere Herausforderung ist, in einer eher traditionellen Branche als junger Gründer ernst genommen zu werden.“
Julian Schwochert
KSG: Welchen Rat würdest du jungen Menschen geben, die selbst ein Unternehmen gründen möchten?
JS: Mein Rat an junge Menschen, die selbst gründen möchten, ist: einfach anfangen. Man sollte nicht zu lange darauf warten, bis alles perfekt ist, sondern möglichst früh ein erster Prototyp bauen und damit zur Zielgruppe gehen. Gerade wenn man sich am Anfang noch ein bisschen dafür schämt, weil das Produkt noch nicht perfekt ist, ist das oft ein gutes Zeichen. Dann ist man früh genug draußen, um echtes Feedback zu bekommen.
Ich glaube, viele Ideen scheitern nicht daran, dass sie grundsätzlich schlecht sind, sondern daran, dass man zu lange still für sich daran arbeitet, ohne zu prüfen, ob die Lösung wirklich ein Problem löst. Deshalb ist es wichtig, Hypothesen schnell zu testen, Feedback ernst zu nehmen und daraus weiterzuentwickeln.
Fehler gehören dabei dazu. Man muss nicht alles von Anfang an Wissen oder können. Entscheidend ist, ins Machen zu kommen, offen zu lernen und den Mut zu haben, die eigene Idee immer wieder an der Realität zu überprüfen.
© Bild: Yüksel Patir/sdwKSG: Wer unterstützt dich heute bei der Weiterentwicklung deines Vorhabens und wie wichtig sind Mentoren, Partner oder Netzwerke für deinen Erfolg?
JS: Bei der Weiterentwicklung von „Helfi-Ruf“ unterstützen mich verschiedene Menschen und Netzwerke. Zum einen nutze ich digitale Wissensquellen und KI-Tools, um mir schnell neues Wissen anzueignen, Themen zu strukturieren und mich in neue Bereiche einzuarbeiten. Gerade in einer frühen Gründungsphase ist das sehr hilfreich, weil man ständig mit neuen Fragestellungen konfrontiert wird.
Besonders wichtig sind für mich aber auch persönliche Mentoren und Partner. Dazu gehören zum Beispiel Christian Atz aus dem Umfeld des SINNkubators, der mir als Mentor bei Fragen zur Seite steht, sowie weitere Unterstützer wie Lars Kilchert oder Dr. Tobias Lorenz. Sie helfen mir dabei, mein Vorhaben aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und wichtige Entscheidungen besser einzuordnen.
Ich glaube, dass Mentoren, Partner und Netzwerke für eine Gründung sehr wichtig sind, besonders in jungen Jahren. Man kann sich zwar vieles selbst erarbeiten, aber durch erfahrene Ansprechpartner, ehrliches Feedback und gute Kontakte erhöht sich die Chance deutlich, die richtigen nächsten Schritte zu gehen und typische Fehler früher zu erkennen.
„Man sollte nicht zu lange darauf warten, bis alles perfekt ist, sondern möglichst früh ein erster Prototyp bauen und damit zur Zielgruppe gehen.“
Julian Schwochert
KSG: Welche Erkenntnisse aus dem ETA-Programm der Karl Schlecht Stiftung begleiten dich bis heute?
JS: Aus dem ETA-Programm begleitet mich vor allem die Erkenntnis, dass Gründen nicht nur bedeutet, eine gute Idee zu haben, sondern diese Idee immer wieder zu hinterfragen, zu testen und praktisch weiterzuentwickeln. Besonders wertvoll war für mich, dass unternehmerisches Denken dort sehr praxisnah vermittelt wurde und man direkt an eigenen Ideen arbeiten konnte. Für „Helfi-Ruf“ war vor allem wichtig, noch stärker über Zielgruppe, Nutzen und Verantwortung nachzudenken. Gerade bei einem Thema wie Sicherheit für Seniorinnen und Senioren reicht es nicht, nur eine technische Lösung zu bauen. Man muss verstehen, für wen man sie entwickelt, welches Vertrauen dafür nötig ist und welchen gesellschaftlichen Mehrwert das eigene Vorhaben schaffen kann.
Außerdem hat mir ETA gezeigt, wie hilfreich es ist, früh Feedback einzuholen und die eigene Idee offen zu diskutieren. Das hat mich darin bestärkt, „Helfi-Ruf“ nicht im stillen Kämmerlein zu entwickeln, sondern möglichst nah an der Praxis und an den Menschen, für die die Lösung gedacht ist.
Vielen Dank für das Interview
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Interview: Dr. Sofia Delgado

