Seit 2019 unterstützt die Karl Schlecht Stiftung das Deutsche Lehrkräfteforum, eine Initiative, die Lehrkräfte als Führungspersönlichkeiten stärkt und Innovation im Bildungssystem fördert.
Im Jahr 2023 wurde das Format weiterentwickelt, um Lehrkräfte noch gezielter in ihrer Leadership-Kompetenz zu fördern und sie bei der aktiven Mitgestaltung zukunftsfähiger Lernkulturen zu unterstützen. Das Forum bringt Pädagoginnen und Pädagogen aus ganz Deutschland zusammen, die gemeinsam an der Weiterentwicklung von Schule und Unterricht arbeiten. Zwei zentrale Personen hinter dem Programm sind Berit Moßbrugger und Vivian de la Osa, die als Programmleitung Impulse für eine zukunftsorientierte und designbasierte Schulentwicklung setzen. Im Gespräch mit ihnen geht es unter anderem um die Frage, wie Lehrkräfte zu echten Gestalterinnen und Gestaltern von Veränderung werden können.
Berit Moßbrugger \ © Bild: 8amstudio.de Karl Schlecht Stiftung (KSG): Frau Moßbrugger, das Deutsche Lehrkräfteforum versteht sich als Ort, an dem Lehrkräfte zu echten Entwicklerinnen und Entwicklern werden. Was bedeutet das konkret?
Berit Moßbrugger (BM): Die Veränderung unserer Gesellschaft in der Kultur der Digitalität braucht eine Lernkultur, die Kinder und Jugendliche darauf vorbereitet. Das ist mit einer massiven Veränderung verbunden. Wir sind überzeugt, dass die wirksamste und sinnvollste Veränderung immer von den unmittelbaren Akteuren selbst ausgeht. Und dafür braucht es sowohl das Selbstverständnis von Lehrkräften - als auch wirksame Kompetenzen.
Im Lehrkräfteforum schaffen wir dafür die Rahmenbedingungen: ein Umfeld, in dem Lehrkräfte experimentieren, reflektieren und gemeinsam Lösungen entwickeln, die in ihrer eigenen Schulrealität unmittelbar nutzbar sind.
Konkret heißt das:
- Sie arbeiten designbasiert an echten Entwicklungsherausforderungen ihrer Schule.
- Sie werden begleitet, um ihre gestaltenden Führungskompetenzen auszubauen – unabhängig von formalen Führungsfunktionen.
- Sie erleben, dass Schulentwicklung nicht abstrakt ist, sondern in kleinen, aber mutigen Schritten spürbare Wirkung erzeugt.
So entsteht ein Raum, in dem Lehrkräfte sich als wirkmächtige Akteure erleben – als Kern einer zukunftsfähigen Bildungslandschaft.
Wir sind überzeugt, dass die wirksamste und sinnvollste Veränderung immer von den unmittelbaren Akteuren selbst ausgeht. Und dafür braucht es sowohl das Selbstverständnis von Lehrkräften - als auch wirksame Kompetenzen.
Berit Moßbrugger
KSG: Die Bewerbungsfrist für das Programmjahr 25/26 ist abgelaufen, die Fellows und Mentor*innen ausgewählt. Welche Impulse und Themen sind in diesem Jahr besonders stark von den Bewerberinnen und Bewerbern gekommen?
Vivian de la Osa (VO): Wir sehen besonders deutlich, wie sehr Lehrkräfte die großen Zukunftsthemen aktiv mitgestalten wollen. Die brennendsten Themen:
- Neue Formen des individuellen Lernens – weg von Gleichschritt, hin zu lernwirksameren Strukturen
- Zukunftskompetenzen - die Lernende befähigen, Gestalter*innen unserer Gesellschaft zu werden
- Agile Teamkultur, insbesondere an Schulen, die sich auf offene Lernsettings ausrichten
Die Bewerbungen zeigen uns, dass die Teilnehmenden nicht nur Ideen mitbringen, sondern einen echten Veränderungswillen. Sie sind sich des anspruchsvollen Weges bewusst, der vor ihnen liegt – das ist es, worauf sie sich persönlich einlassen: In der Rolle als Entwickler*in zu reifen und zu wachsen.
KSG: Im Zentrum des Forums steht die designbasierte Schulentwicklung. Können Sie erläutern, was darunter zu verstehen ist und worin sich dieser Ansatz von klassischen Schulentwicklungsprozessen unterscheidet?
BM: Auch wenn es die eine “klassische” Schulentwicklung so sicher nicht gibt, folgen viele Intentionen einem linearen Planungsmodell, das zu verschriftlichende Konzepte an den Anfang stellt. In der Schulpraxis kommt das dann als “Mehraufwand” an – eine Vokabel, die in Verbindung mit Schulentwicklung häufig fällt.
Der designbasierte Ansatz ...
- beginnt bei den Bedürfnissen der Lernenden und Lehrenden vor Ort. Also dort, wo “Energie” drinsteckt – und die kann auch aus Frustration kommen.
- setzt auf Iterationen, also frühe, praktische Lösungs-Prototypen und Erprobungen und kontinuierliche Verbesserungen. Damit werden Teams direkt wirksam. Das motiviert und erzeugt Energie, es verändert sich etwas noch bevor die Lösung als “Konzept” verschriftlicht wird.
- fördert interdisziplinäre Teamarbeit und stärkt die Handlungskompetenz auf allen Ebenen.
Kurz gesagt:
Designbasierte Schulentwicklung schafft sichtbaren Fortschritt – zügig, menschlich und wirksam. Sie verbindet professionelle Reflexion mit kreativer Problemlösung und stärkt Lehrkräfte darin, Unsicherheit als Gestaltungsraum zu nutzen, statt sie als Hindernis zu betrachten.
Jasmin, die mit ihrem Team ein freies Lernkonzept in der Oberstufe erprobt, drückt es so aus: “Wow, wir haben Schulentwicklung gerade das erste Mal mit Euphorie in Verbindung gesehen.”
„Kinder und Jugendliche lernen, die unterschiedlichen Räume für sich zu erobern, zu nutzen und zurück vor Ort in der Schule die Gemeinschaft aktiv suchen, statt von ihr überladen zu werden, weil sie immer sein muss.“
Vivian de la Osa
Vivian de la Osa \ © Bild: 8amstudio.de KSG: Frau de la Osa, das Inspire & Connect-Event fand dieses Jahr im November in Präsenz statt und dafür ging an der Georg-Christoph-Lichtenberg Gesamtschule als Austragungsort sogar ein ganzer Jahrgang in Homeschooling, um Platz für das dreitägige Programm zu schaffen. Ist das gezeigte Engagement der Schule ein Beispiel für die Veränderung, die Sie unterstützen und fördern möchten?
VO: Genau – und zwar auf mehreren Ebenen. Zum einen zeigt dieser Schritt ein außergewöhnliches Commitment der Schulleitung, um Tanja Laspe Innovation aktiv zu ermöglichen und Ressourcen dafür freizusetzen. Zum anderen macht die Schule so sichtbar, welche (Lern-)Räume entstehen, wenn Innovation ein gemeinschaftlicher Prozess ist. Viele Teams äußern “das selbstbestimmte Lernen an selbstgewählten Orten” als Teil ihrer Vision – ein Schulleben also, das die Flexibilisierungen, die wir aus der New-Work-Arbeitswelt kennen, spiegelt. Und Kinder und Jugendliche lernen, die unterschiedlichen Räume für sich zu erobern, zu nutzen und zurück vor Ort in der Schule die Gemeinschaft aktiv suchen, statt von ihr überladen zu werden, weil sie immer sein muss.
KSG: Das Motto des Forums ist eng verbunden mit Begriffen wie „Mut zur Veränderung“, „Raum für Innovation“ und „Commitment zu Schulentwicklung“. Wie erleben Sie diese Haltung in der Praxis der Teilnehmenden?
BM: Die Teilnehmenden verfügen über eine bemerkenswerte Mischung aus Neugier, Gestaltungsdrang und Verantwortungsbewusstsein. Gäste - wie zum Beispiel Referent*innen – oder auch unsere Förderer spiegeln uns immer wieder, wie auffällig unterschiedlich sie diese Dynamik erleben.
Was uns am meisten beeindruckt, ist der Blick für Gelegenheiten: Da wird jede noch so kleine Chance genutzt, ein Pflänzchen auf den unterschiedlichsten Böden zu sähen, jede Inspiration wird aufgesaugt, jedes rare Zeitfenster, das rund um den anspruchsvollen Lehrauftrag bleibt, dem Vorhaben gewidmet. Dieser Blick macht einen erheblichen Unterschied – denn so wichtig und relevant die Entwicklungsarbeit ist, sie hat findet noch immer in den Zwischenräumen statt, die – ohne Aufmerksamkeit und Commitment – so gar nicht offensichtlich sind.
Unser Selbstverständnis im Forum ist es, die Fellows methodisch so zu begleiten und zu unterstützen, dass sie in diesen Micro-Gelegenheiten wirklich wirksam sind. Die Mentor*innen spielen dabei eine ganz zentrale Rolle.
Designbasierte Schulentwicklung schafft sichtbaren Fortschritt – zügig, menschlich und wirksam.
Berit Moßbrugger
KSG: Innovation in Schule gilt oft als schwieriger Prozess, der gegen viele strukturelle Widerstände ankämpfen muss. Welche Bedingungen braucht es aus Ihrer Sicht, damit Innovation tatsächlich gelingen kann?
BM: Ein Augenmerk im Forum ist ein Perspektivwechsel im Umgang mit Widerständen - seien es die strukturellen oder auch die allzu menschlichen. “Fighting the old” wird unweigerlich Widerstände hervorrufen – denn das ist der Boden auf dem wir stehen. Konzentrieren wir uns aber darauf, das Neue sicht- und erlebbar zu machen, bereiten wir den Boden, dass sich auch skeptische Kolleg*innen (zeitversetzt) darauf einlassen können.
Fellows und Mentor*innen im Forum erwarten somit gar nicht so sehr, dass die ganze “Innovationsstraße” frei geräumt wird. Was sie unterstützt, ist echtes, aufrichtiges Interesse und Neugier an ihrem (freiwilligen, selbstverantwortlichen) Wirken, positive Energie und Zutrauen, das gemeinsame Zupacken, um zum richtigen Zeitpunkt eine Barriere – zumindest für eine gewissen Zeit - aus dem Weg zu räumen, damit bspw. etwas erprobt werden kann. Schulleitungen, die Abweichungen vom Plan zulassen und ermöglichen - und oft reicht eine Rückendeckung - schaffen diese förderlichen Bedingungen. Und erhalten damit jede Menge Futter für das so wertvolle “Storytelling”: Darüber, was plötzlich möglich wird.
KSG: Ein immer aktuelleres Thema ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Unterricht. Wie kann KI Lehrkräfte unterstützen und wie wird dieses Thema im Forum aufgegriffen?
BM: Zunächst ist KI – wie für uns alle - eine der größten Herausforderungen für Lehrkräfte. Sie fordert buchstäblich alles heraus: die Art, wie wir Aufgaben stellen, Prüfungsleistungen konzipieren, wie wir Kindern und Jugendlichen das Spannungsfeld zwischen Unterstützung durch KI in Routinen und Administration, zügiger Recherche und kritischer Reflexion vorleben. Die bemerkenswerten Möglichkeiten gemeinsam mit Lernenden zu erschließen - dabei selbst Lernende*r sein – das passiert nicht von allein, das braucht ganz viel Austausch- und Resonanzraum. Im Forum wissen alle: Wenn ich hier meine Gedanken und Beobachtungen teile, werde ich sie reifen können, vorankommen.
Konzentrieren wir uns aber darauf, das Neue sicht- und erlebbar zu machen, bereiten wir den Boden, dass sich auch skeptische Kolleg*innen (zeitversetzt) darauf einlassen können.
Berit Moßbrugger
KSG: Wenn Sie auf die aktuelle Lehr- und Lernkultur an deutschen Schulen blicken: Wie würden Sie sie beschreiben, und wo sehen Sie die größten Entwicklungspotenziale?
BM: Bei aller Vielfalt stehen wir heute dennoch zwischen zwei Grundlogiken:
- Einer Kultur, die stark durch Tradition, Sicherheit und Gleichschritt geprägt ist.
- Und einer Lebensrealität, die (vereinfacht gesagt) Agilität, Selbststeuerung, kreative Problemlösung verlangt.
Die größte Chance liegt darin, diese Spannung produktiv zu nutzen. Entwicklungspotenziale sehen wir vor allem in:
- gemeinsamer Verantwortung für Lernen, statt einzelkämpferischer Unterrichtspraxis, professionellen Teams, die wirklich miteinander entwickeln, statt nebeneinander zu arbeiten,
- individualisierten Lernwegen, die Selbstwirksamkeit stärken - verbunden mit einem Selbstverständnis als Begleiter dieser individuellen Lernwege
- Gestaltendes, beteiligendes Leadership auf allen Ebenen, nicht nur in formalen Positionen.
Viele Schulen, viele Persönlichkeiten sind auf dem Weg – mit dem Lehrkräfteforum stärken wir die Kompetenzen, die dafür gebraucht werden.
KSG: Das Programm des Deutschen Lehrkräfteforums für 2025/26 wird derzeit vorbereitet. Worauf dürfen sich die Teilnehmenden besonders freuen?
BM: Tatsächlich stecken wir mittendrin! Das Inspire&Connect-Event im November war für die Fellows der Startschuss in ihre eigene, partizipative Ideenphase an ihrer Schule. Kollegien werden mit Schüler*innen, zum Teil auch Eltern Lösungen entwickeln, die im Problemfeld der mitgebrachten Herausforderungen eine Veränderung bewirken können. Schritt für Schritt moderieren die Fellows - unterstützt durch ihre Mentor*innen – diesen Prozess mit dem Ziel recht zügig ins Tun zu kommen, die vielversprechendsten Ideen zu erproben.
Im Programm lernen die Fellows, wie eine gute Beteiligung gelingt, was eine Erprobungsphase wirklich erfolgreich macht (Spoiler: es hat nichts mit “alles läuft perfekt” zu tun) und wie von dort aus die “Anstiftung zur Brandstiftung” gelingt: Wie aus neuen Lehr- und Lernerfahrungen der nächste Entwicklungsschritt gelingt.
Kurzum: “das Programm” findet jetzt live in all den Grund-, Real-, Gesamt-, Berufsschulen und Gymnasien im Land statt.
KSG: Zum Abschluss: Welche langfristige Vision haben Sie für das Lehrkräfteforum und welche Rolle soll es in der Bildungslandschaft der kommenden Jahre spielen?
BM: Unsere Vision ist klar:
Das Lehrkräfteforum ist ein Ort, an dem die Zukunft der Schule von innen heraus gestaltet wird. Ein Netzwerk, das:
- Lehrkräfte systematisch in ihrer Führungs- und Entwicklungskompetenz stärkt,
- Innovations- und Transformationsprozesse sichtbar macht und in das Bildungssystem zurückspielt,
- eine Kultur des Mutes und der geteilten, tätigen Verantwortung verbreitet.
Langfristig ist das Forum ein Motor für eine Bildungslandschaft, in der Lehrkräfte aktive Gestaltungskräfte eines lernenden Systems sind.
Wenn Schulen sich wandeln, brauchen wir starke Menschen, die diesen Weg gehen – und genau ihnen gibt das Forum Plattform, Werkzeuge und ein Netzwerk.
Das Interview führte Dr. Sofia Delgado für die Karl Schlecht Stiftung.



















