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Oper neu denken: Was die Akademie 2030 möglich macht

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© Maks Richter
31.03.2026

Ein Gespräch mit Nena Sindia Eckelmann, Head of Development, Staatstheater Stuttgart / Staatsoper Stuttgart.

Mit der Akademie 2030 unterstützt die Karl Schlecht Stiftung ein Programm, das junge Musikerinnen und Musiker gezielt auf das professionelle Bühnenleben vorbereitet und den Übergang von der Ausbildung an der Hochschule auf die große Bühne pädagogisch und künstlerisch begleitet.

Das Internationale Opernstudio der Staatsoper Stuttgart ist Teil dieses Förderformats für künstlerische Exzellenz. Nena Sindia Eckelmann begleitet die Talente auf ihrem Weg in die Berufswelt und schafft über die strategische Zusammenarbeit mit externen Partnern die Rahmenbedingungen für das Gelingen der Akademie 2030. Im Gespräch erläutert sie, wie die Förderung wirkt, welche Herausforderungen junge Künstler heute haben und wie die Akademie 2030 neue Perspektiven eröffnet

KSG: Frau Eckelmann, Sie verantworten als Head of Development strategische Entwicklungen an der Staatsoper Stuttgart. Welche Aufgaben stehen in Ihrer Arbeit derzeit im Mittelpunkt, insbesondere im Hinblick auf die Akademie 2030?

Nena Sindia Eckelmann (NSE): Das herausragende an meiner Funktion an den Staatstheatern Stuttgart ist die ganzheitliche Einbindung in innovative Themen und die Entwicklung von Lösungen und Antworten auf aktuelle sowie zukünftige Herausforderungen. Elementar hierbei ist das Netzwerk welches sich zusammenfindet um gemeinsame Visionen zu verwirklichen.

Im Zentrum meiner Arbeit der Akademie 2030 steht derzeit die Frage, wie wir junge Künstlerinnen und Künstler nachhaltig auf ein zunehmend komplexes Berufsfeld und Arbeitsumfeld vorbereiten können. Die Akademie 2030 ist dabei ein wichtiger Baustein, weil sie künstlerische Exzellenz mit Persönlichkeitsentwicklung, Orientierung und struktureller Unterstützung verbindet. Konkret geht es darum, gemeinsam mit unseren Partnern verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Talente nicht nur ihre Stimme und Bühnenpräsenz weiterentwickeln, sondern auch Selbstverständnis, Resilienz und berufliche Handlungsfähigkeit. Das Karrieremanagement spielt hier eine Schlüsselrolle, weil es zwischen Ausbildung, professionellem Betrieb und individueller Lebensrealität vermittelt.

KSG: Die Akademie 2030 wurde in einer Zeit außergewöhnlicher gesellschaftlicher Herausforderungen begründet. Welche Ihrer damaligen Überlegungen waren für den Start rückblickend besonders prägend?

NSE: Als wir die Akademie 2030 gemeinsam mit der Karl Schlecht Stiftung auf den Weg gebracht haben, war sehr präsent, wie verletzlich künstlerische Biografien sein können. Die Pandemie hat diese Fragilität schonungslos offengelegt. Uns hat damals die Überzeugung geleitet, dass junge Künstlerinnen und Künstler mehr brauchen als technische Perfektion. Sie brauchen Vertrauen, Werteorientierung und einen geschützten Raum, um ihre Künstler*innenpersönlichkeiten weiterentwickeln zu können. Die Haltung der Karl Schlecht Stiftung, Bildung immer ganzheitlich zu denken, war für diese Ausrichtung entscheidend.


„Die Akademie 2030 ist dabei ein wichtiger Baustein, weil sie künstlerische Exzellenz mit Persönlichkeitsentwicklung, Orientierung und struktureller Unterstützung verbindet“

Nena Sindia Eckelmann

KSG: Sie stehen in enger Verbindung mit jungen Musikern. Vor welchen beruflichen oder persönlichen Herausforderungen stehen junge Operntalente am Beginn ihrer Laufbahn?

NSE: Viele junge Sängerinnen und Sänger erleben den Einstieg in den Opernbetrieb als emotional und strukturell anspruchsvoll. Zwischen Vorsingen, kurzfristigen Engagements, Probenphasen und häufigem Ortswechsel müssen sie sich in einem hochkompetitiven System behaupten, oft ohne langfristige Planungssicherheit. Ich war selbst mal junge Musikerin, habe all das erlebt, womit viele junge Menschen in einem Musikbetrieb auch heute zu kämpfen haben.

Da geht es um grundlegende Fragen nach künstlerischer Identität, um Selbstbestimmung und -Verwirklichung, und zeitgleich die Anpassung in einen relativ starren Apparat der vor allem davon geprägt ist, dass viele Zahnräder optimal in einander greifen.

KSG: Worauf kommt es heutzutage an? Welche Kompetenzen benötigen junge Sängerinnen und Sänger zusätzlich zu ihrem künstlerischen Können?

NSE: Neben stimmlicher und darstellerischer Exzellenz, diese sind kein Garant mehr für langfristigen Erfolg - gewinnen heute Kompetenzen an Bedeutung, die weit über das rein Künstlerische hinausgehen. Junge Sängerinnen und Sänger bewegen sich in einem komplexen, oft unsicheren Berufsfeld und müssen lernen, mit wechselnden Arbeitskontexten, hohem Leistungsdruck und kontinuierlicher Selbstpositionierung umzugehen. Hinzu kommt bekanntlich bei den jungen Generationen ein großes Bedürfnis und Streben nach Selbstverwirklichung, welches in Strukturen von Institutionen wie der Staatsoper bisweilen wenig Platz gefunden hat. Daher wollen wir in Probenprozessen, Ensemblearbeit und Vermittlungsformaten Future Skills wie Kreativität, Empathie, Kommunikationsfähigkeit – im analogen und digitalen Raum -, Resilienz und Perspektivwechsel ganz konkret erfahrbar machen. Diese Fähigkeiten sind entscheidend, um künstlerisch offen zu bleiben, konstruktiv im Team zu arbeiten und auch in herausfordernden Phasen handlungsfähig zu bleiben. Gerade diese Verbindung von künstlerischer Praxis und Persönlichkeitsentwicklung ist aus meiner Sicht zentral für nachhaltige Laufbahnen. Sie entspricht auch dem ganzheitlichen Bildungsverständnis, das die Akademie 2030 gemeinsam mit der Karl Schlecht Stiftung verfolgt

„Gerade diese Verbindung von künstlerischer Praxis und Persönlichkeitsentwicklung ist aus meiner Sicht zentral für nachhaltige Laufbahnen“ 

Nena Sindia Eckelmann

© Picture: Sven Naiser

KSG: Vor zwei Jahren wurde die Akademie ins Leben gerufen. Ein wesentlicher Aspekt liegt auf Talententwicklung und Persönlichkeitsbildung. Gibt es bereits Fortschritte und Veränderungen, die Sie bei den jungen ehemaligen Teilnehmern beobachten können?

NSE: Mit der Akademie 2030 wurde ein ganzheitlich neues Format mit Alleinstellungsmerkmal ins Leben gerufen, welches uns zeigt, dass es richtig ist und Wirkung entfaltet. Viele ehemalige Teilnehmerinnen und Teilnehmer treten heute mit größerer Klarheit und Selbstsicherheit in den professionellen Kontext ein- sei es in einem festen Engagement als Sänger*in an unserem Opernhaus oder in der Freiberuflichkeit. Sie reflektieren bewusster ihre Entscheidungen, gehen strukturierter mit Herausforderungen um und verfügen über ein realistisches Bild ihrer Möglichkeiten. Besonders bemerkenswert ist, dass sie nicht nur künstlerisch, sondern auch persönlich gereift wirken. Sie verstehen sich stärker als gestaltende Akteurinnen und Akteure ihrer eigenen Laufbahn – und genau das ist ein zentrales Ziel der Akademie 2030.

KSG: Eines Ihrer Leitmotive ist die Balance zwischen Tradition und Innovation. Welche Entwicklungen beobachten Sie in diesem Spannungsfeld?

NSE: Ich erlebe, dass Tradition und Innovation zunehmend als gegenseitige Voraussetzungen verstanden werden. Die große Stärke der Oper liegt in ihrer Geschichte und ihren künstlerischen Formen, gleichzeitig verlangt die Gegenwart nach neuen Perspektiven, Arbeitsweisen und Zugängen.
Innovation bedeutet dabei nicht, Tradition infrage zu stellen, sondern sie weiterzudenken – im Umgang mit Publikum, in der Ausbildung junger Künstlerinnen und Künstler und in der Öffnung gegenüber gesellschaftlichen Diskursen. Diese Balance bewusst zu gestalten, ist eine zentrale Aufgabe heutiger Opernhäuser.

KSG: Mit Blick auf Ihre Entwicklungsarbeit: Welche Antworten ergeben sich aus heutiger Sicht auf die Frage, wie ein Opernhaus zum Kulturbau der Zukunft werden kann?

NSE: Ein Opernhaus der Zukunft versteht sich nicht nur als Produktionsort, sondern als lernende, vernetzte Institution. Es übernimmt Verantwortung für künstlerische Qualität ebenso wie für gesellschaftliche Relevanz und nachhaltige Strukturen.Programme wie die Akademie 2030 zeigen, dass Zukunftsfähigkeit dort entsteht, wo Vertrauen, Förderung und Offenheit zusammenkommen. Wenn es gelingt, junge Talente ernsthaft einzubinden, Partnerschaften zu pflegen und Räume für Entwicklung zu schaffen, kann das Opernhaus auch künftig ein lebendiger Ort kultureller Bedeutung sein.

Vielen Dank für das Interview