Zwei Akademistinnen über die Förderung junger Chortalente. Johanna Reithmeier und Rebecca Herter gehören zu den jungen Sängerinnen, die im Rahmen der Akademie 2030 der Staatsoper Stuttgart in der Saison 25/26 wertvolle Einblicke in die Arbeit eines professionellen Opernchors gewinnen konnten.
Das von der Karl Schlecht Stiftung geförderte Programm schlägt eine Brücke zwischen Ausbildung und Berufspraxis und eröffnet Nachwuchstalenten die Möglichkeit, Bühnenerfahrung auf höchstem Niveau zu sammeln, von erfahrenen Mentorinnen und Mentoren zu lernen und ihre künstlerische Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Rebecca Herter hat im Juli 2025 ihren Bachelorabschluss im Fach Gesang erhalten und studiert derzeit im Master Gesang an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Johanna Reithmeier ist klassische Sängerin, Gesangspädagogin, Schauspielerin und Sprecherin. Im Jahr 2024 begann sie ihr Masterstudium an der Staatlichen Hochschule für Musik Mannheim. Im selben Jahr wurde sie Stipendiatin der Yehudi Menuhin Live Music Now Frankfurt e.V. sowie der Johann Adolph Hasse Gesellschaft München e.V. Parallel dazu setzt sie ihre freiberufliche Tätigkeit fort, unter anderem bei der Opera et Cetera gUG, dem Papageno Musiktheater Frankfurt und der Kammeroper Frankfurt.
Im Doppelinterview sprechen die beiden Akademistinnen über Teamarbeit im Opernchor, ihre persönlichen Zukunftspläne und darüber, warum keine Oper ohne einen starken Chor auskommt.
Johanna Reithmeier \ © Picture: Sebastian MareKSG: Frau Reithmeier, Frau Herter, was hat Sie ursprünglich dazu bewogen, sich für die Akademie 2030 an der Staatsoper Stuttgart zu bewerben?
Johanna Reithmeier (JR): Meine Studienfreundin Lena Spohn, die schon im Kinderchor der Staatsoper Stuttgart gesungen hat und jetzt schon einige Jahre fest angestellt ist, hatte mich kurzfristig auf die Ausschreibung aufmerksam gemacht. Ich wusste davor ehrlich gesagt gar nicht, dass es solche Eleven Stellen gibt.
Rebecca Herter (RH): Um ehrlich zu sein war meine ursprüngliche Intention die Vorsingen Situation zu üben. Ich war gerade in meinem ersten Master Semester und unsere Studienleiter hatte eine Rede darüber gehalten, dass wir jede Chance zum Vorsingen nutzen sollen, um daraus zu lernen. Danach habe ich im Internet nach möglichem Vorsingen gesucht und bin auf der Website der Staatsoper auf dieses gestoßen. Ich hatte nicht damit gerechnet die Stelle zu bekommen. Das ist wohl der innere Kritiker, mit dem jeder in unserem Beruf zu kämpfen hat.
KSG: Der Fokus Ihres Akademiejahres lag auf der Arbeit im Opernchor. Welche Erfahrungen haben Sie auf und hinter der Bühne besonders geprägt?
JR: Der Zusammenhalt und das Gefühl, in einem Dorf geborgen zu sein. Und wenn es im privaten bedeutsam wird, überträgt sich das erst recht auf die Musik. Daher war für mich das schönste Erlebnis ein privat organisiertes Benefizkonzert des Staatsorchester und des Staatsopernchores mit Mozarts Requiem für das Stuttgarter Hospiz, das Manuel Pujol am Feuersee als eine seiner letzten Projekte als Chordirektor wundervoll dirigiert hat.
RH: Das Herausragendste am Opernchor Stuttgart, neben dem natürlich hohen künstlerischen Niveau, ist das menschliche Miteinander. In den Pausen haben viele Kollegen und Kolleginnen Anekdoten und Lebensweisheiten mit mir geteilt, die mich in vielen Lebensbereichen schon weitergebracht haben. Und natürlich das gemeinsame Musizieren, das Erarbeiten von Stücken morgens im Chorsaal und dieser alles einnehmende Klang, der einmal durch den ganzen Körper geht, wenn wir zusammen auf der Bühne stehen, werde ich für immer als Erinnerung in meinem Herzen tragen.
Rebecca Herter \ © Picture: Sebastian MareKSG: Oft stehen Solistinnen und Solisten im Rampenlicht. Dabei kommt kaum eine Oper ohne Chor aus. Welche Rolle spielt der Opernchor für Sie persönlich im Gesamterlebnis einer Aufführung?
JR: Je mehr Farben und Schattierungen ein Kunstwerk hat, desto interessanter wird es für mich und so wundervoll eine Solostimme vielleicht sogar mit wenig oder sogar keiner Orchestrierung klingen kann, so sehr kann eine Chorklangfläche mich tief berühren. Die Vielfalt macht es.
RH: Das kommt auf den Chor an, hahaha. Wenn der Chor einen Spielwillen mitbringt, wie in Stuttgart dann umrahmt er die Handlung. Lustige Szenen wirken noch ausgelassener und in dramatischen Szenen kann es zu einer noch höheren Spannung und Konzentration kommen.
KSG: Im Chor zu singen bedeutet, die eigene Stimme in einen größeren Gesangsrahmen einzubringen. Was haben Sie in dieser Zeit über Teamarbeit, gegenseitiges Vertrauen und gemeinsames Musizieren gelernt?
JR: Immer wieder neu die Balance herzustellen, zwischen dem mit mir und meinem Körper tief verbunden zu sein und dem ganz bei den anderen also Orchester, Dirigent*innen, Geschichte, Szene und vor allem Mitsänger*innen sein.
KSG: Die Akademie 2030 verbindet praktische Bühnenerfahrung mit persönlicher Begleitung und Weiterbildung. Welche Fähigkeiten oder Erkenntnisse nehmen Sie langfristig aus dem Programm mit?
JR: Bernhard Moncado (stellvertretender Chordirektor) und Giulio Ferré (Assistenz des Chordirektors) standen mir für viele Coachings tatkräftig beiseite und haben einen Beitrag dazu geleistet, dass ich den 3. Platz beim diesjährigen Inge-Murjahn-Wettbewerb gewonnen habe und gut vorbereitet in diverse Soloprojekte und Vorsingen gehen konnte.
RH: Dass wir alles Menschen sind. Ich war am meinem ersten Tag so aufgeregt: hatte Angst etwas falsch zu machen, etwas Falsches zu sagen, überhaupt negativ aufzufallen, weil ich noch nicht die gleiche Erfahrung hatte wie meine Kolleginnen und Kollegen, aber ich habe relativ schnell bemerkt, dass wir auf eine Weise alle gleich sind. Wir alle sind Menschen, noch dazu mit derselben Leidenschaft, die gemeinsam besondere Momente schaffen wollen.
KSG: Nach den wertvollen Einblicken in die Arbeit des Staatsopernchors Stuttgart: Sehen Sie ihre berufliche Zukunft weiterhin in einem festen Chor-Engagement, in der Konzertszene oder ganz woanders?
JR: Ich habe mir für die kommende Spielzeit einen Platz im Opernchor des deutschen Nationaltheaters Weimar ersungen. Für mich persönlich ist die Balance, einer festen Stelle im Opernchor und kleineren solistischen Projekten an der Seite, ideal. Langfristig würde ich gerne in den Staatsopernchor zurück.
RH: Da kann ich leider keine klare Antwort geben, da es für mich auch noch spannend bleibt. Das Einzige, was ich sicher sagen kann, ist, dass ich mich auf der Bühne, spielend am wohlsten fühle. Momentan nutze ich die Sommerferien für ein Interdisziplinäres Performance Projekt im Wilhelma Theater und werde dann das Jahr nutzen, um meinen Master zu beenden. Also vom jetzigen Stand halte ich den Bereich Konzert für mich am unrealistischsten, wie gesagt ich liebe Schauspiel, aber abgesehen davon, wer weiß schon was das Leben bringt.
KSG: Künstlerische Berufe erfordern heute häufig ein hohes Maß an Flexibilität und unternehmerischem Denken, da die Kulturlandschaft vielerorts unter finanziellen Druck steht. Wie blicken Sie vor diesem Hintergrund auf Ihre berufliche Zukunft?
RH: Ich versuche so viel wie möglich im Moment zu leben. Das mag etwas einfältig oder ignorant klingen, aber ich halte nicht viel von Zukunftsängsten. Nach meiner Philosophie kann ich nur so viel machen, wie ich halt kann. Also in Projekten gut vorbereitet sein, um effizient voranzukommen, Ressourcen zu sparen und einen Abend zu erschaffen der das Publikum hoffentlich dazu bewegt wiederzukommen. Bzw. wenn Demos gegen Kürzung angekündigt sind, diese mit meiner Stimme zu unterstützen, aber abgesehen davon denke ich nicht viel über meine Zukunft nach. Jetzt kann ich als Sängerin arbeiten, vielleicht kann ich das bis zum Ende meiner beruflichen Laufbahn, das wäre ein großes Geschenk, vielleicht geht es irgendwann nicht mehr, aber dafür finde ich eine Lösung, wenn es so weit ist.
Der Staatsopernchor mit dem neuen Chordirektor Jeremy Bines \ © Picture: Matthias BausKSG: Welche Herausforderungen sehen Sie für junge Sängerinnen und Sänger beim Berufseinstieg und wie bereiten Sie sich darauf vor?
JR: Ich denke, dass die Zeiten vorbei sind, als schauspielerisches Talent und eine gut ausgebildete Stimme genug waren, und die deutschen Musikhochschulen kommen nicht hinterher, uns ausreichend auf das immer anspruchsvollere Berufsprofil vorzubereiten. Viele Professoren sind auch schon so lange aus der Berufswelt draußen, dass Sie die Veränderung in der Musiklandschaft seit Corona gar nicht erahnen können.
Ich denke, eine Möglichkeit für viele Musikerinnen, die aus deutschen Musikhochschulen kommen, wird es sein, diverse Standbeine zu haben und ihre Vielseitigkeit zu feiern. Ich persönlich habe eine Yoga-Ausbildung für Musikerinnen absolviert und baue mir ein Online- Business auf, um meine Mitmusiker*innern in diesem sehr anspruchsvollen Berufsfeld zu unterstützen.
RH: Perfektionismus. Wir üben so viel allein in unserem kleinen Kämmerlein und glauben immer nicht gut genug zu sein. Wir werden unser ganzes Leben an und mit unserem Instrument arbeiten und dementsprechend nie fertig sein. Aber wenn wir uns davon aufhalten lassen und nicht zum Vorsingen gehen, können wir die Stelle auch nicht bekommen. Wie gesagt, als ich damals vorsang, dachte ich, ich käme nicht mal in die zweite Runde. So laut ist diese innere kritische Stimme, die jeden Fehler wahrnimmt. Vielleicht ist es auch manchmal gesund einem Testpublikum aus branchenfernen Freunden vorzusingen, so als “Reality Check” wie weit man gekommen ist. Aber um ehrlich zu sein: keine Ahnung. Das ist ein Problem, mit dem ich offensichtlich selbst noch kämpfe.
KSG: Was bedeutet Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten? Liegt Ihre Leidenschaft in der Musik, im Austausch mit dem Publikum oder in einem ganz anderen Moment?
JR: Ich bin Geschichtenerzählerin und liebe die verschiedenen Stadien des Schaffens, das allein und einsam Üben, dass in Kontakt treten mit meinen Kolleg*innen und LehrerInnen und am Ende geht es aber, um das Vermitteln der Geschichte für das Publikum. Alle drei Stadien haben ihre ganze eigene Magie.
RH: Emotionen auszulösen. Wer in die Oper geht kann einfach schöne Musik hören oder eine Achterbahn der Gefühle erleben und eigene Erlebnisse auf das Gesehene reflektieren. Das größte Kompliment für mich nach einer Vorstellung ist, wenn jemand mir berichtet zu Tränen gerührt worden zu sein oder in einem anderen Kontext Wut empfunden zu haben. Wie gesagt ich lebe für Emotionen. Es gibt Vorstellungen, bei denen nach dem letzten Ton der Saal kurz still bleibt. Es fühlt sich so an, als würde sich keiner trauen zu atmen, um die Spannung nicht zu zerstören. Ich liebe diese Abende, weil es für mich das Zeichen ist, das wir es geschafft haben, das Publikum komplett in eine andere Welt zu entführen. Dass es mit uns die ganze Reise erlebt und gefühlt hat und vor dem Schlussapplaus erstmal kurz wieder ankommen muss. Also vielleicht lässt es sich als Austausch mit dem Publikum Zusammenfassen.
KSG: Und könnten sie sich ein berufliches Leben ohne Gesang und Musik vorstellen?
JR: Ich kann mir bestimmt kein Leben ohne Musik und Gesang und Kunst generell vorstellen, durchaus aber eins, in dem ich mich beruflich anders verwirkliche und die Musik ein wundervoller Ausgleich sein könnte. Es wäre aber auf jeden Fall ein anderer kreativer Beruf. Meine Leidenschaft liegt im kreativen Schaffen, in der Beschäftigung mit meiner Innenwelt, und dem Ausdruck dieser durch die diverse künstlerische Mittel.
RH: Wenn es durch Kürzungen etc. keine andere Möglichkeit gibt, natürlich, ich bin Realistin, aber bis dahin auf gar keinen Fall.
Wir sagen herzlichen Dank für das Interview und wünschen beiden viel Erfolg auf ihrem weiteren Weg!
In der neuen Saison 2026/2027 werden als Choreleven Alicia Gomezcaña Dávila, Sopran und
Sewon Oh, Tenor im Rahmen der Akademie 2030 gefördert.
Text: Dr. Sofia Delgado
Dr. Philipp Bocks beim Galakonzert der Akademie 2030 im Wilhelma Theater \ © Picture: Angelika Graf