Warum Philosophie heute wieder gebraucht wird. Ein Gespräch mit Dr. Johanna Hueck, Dozentin am Philosophischen Seminar e.V., Stuttgart. In einer Zeit, in der Wissen jederzeit verfügbar scheint, wird eine andere Fähigkeit zunehmend selten: innehalten, fragen, denken. Die Philosophie beginnt traditionell mit dem Staunen. Doch im Alltag zwischen Studium, Ausbildung und beruflichen Anforderungen bleibt für dieses Staunen oft wenig Raum.
Zudem hat die Wissenschaft mit dem Tod von Jürgen Habermas einen ihrer prägendsten Denker verloren, einen Philosophen, der die Debatten über Öffentlichkeit, Demokratie und Vernunft maßgeblich geprägt hat. Umso mehr ist es heute, angesichts globaler Entwicklungen, notwendig, den kritischen Diskurs fortzuführen.
Das Projekt „Denkwürdig!“, des Philosophischen Seminars e.V. in Stuttgart, welches von der Karl Schlecht Stiftung gefördert wird, widmet sich philosophischen Grundgedanken. Das Begleitstudium möchte Interessierte dazu anregen, existentielle Fragen zu stellen: Was ist Wahrheit? Wie entsteht Erkenntnis? Und was bedeutet es, ein bewusstes Leben zu führen? Junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren sind dabei eingeladen, sich einen eigenständigen Zugang zur Philosophie zu erarbeiten. An fünf intensiven Wochenendseminaren beschäftigen sich die Teilnehmenden mit den großen Denkbewegungen der Philosophiegeschichte und versuchen, diese Fragen mit ihrer eigenen Lebenspraxis zu verbinden. Die Philosophin Dr. Johanna Hueck begleitet sie bei diesem Prozess.
Karl Schlecht Stiftung (KSG): Frau Hueck, Philosophie beginnt traditionell mit dem Staunen. Ist dieses Staunen heute verloren gegangen oder zeigt es sich nur in anderen Formen?
Dr. Johanna Hueck (JH): Ja, ich denke, dass das Staunen tatsächlich eine Fähigkeit ist, die uns in unserem Alltag erstmal recht fremd geworden ist. Das Staunen im Sinne der Philosophie heißt ja vor allem, innezuhalten, nicht immer schon Lösungen haben zu wollen, sondern die einmal gebildeten Vorstellungen und die einmal gefassten Urteile aufzulösen und sich im Raum des ergebnisoffenen Fragens bewegen zu können. Hannah Arendt bringt das staunende Denken in das Bild des Schleiers der Penelope, die jeden Morgen wieder auftrennt, was sie in der Nacht zuvor fertiggestellt hatte. Die einmal gedachten Gedanken und liebgewonnenen Urteile müssen also immer wieder in Frage gestellt und neu gedacht werden. In einer von Machbarkeit und Nützlichkeit geprägten Welt ist dies in gewisser Weise eine Zumutung, denn es geht weniger um Ergebnisse, als vielmehr um den Prozess des Staunens und Fragens selbst.
Trotz dieser Zumutung könnte man fragen, ob wir ohne diese Art des Denkens mit den vielschichtigen Herausforderungen unserer Zeit überhaupt umgehen können. Das leicht einsehbare aber schwer umzusetzende Diktum, nach dem sich Probleme nicht lösen lassen mit demselben Denken, mit dem sie entstanden sind, fordert, dass wir nicht Anderes, sondern anders denken lernen. Ein solches Denken muss m.E. durch das Nadelör des Staunens hindurchgehen. Nur so wird es anders. Die Fähigkeit des Staunens zu lernen ist demnach so unzeitgemäß wie notwendig.
KSG: Wie verstehen Sie selbst die Philosophie, über die akademische Disziplin hinausgehend?
JH: Philosophie lässt sich tatsächlich in mehrfacher Hinsicht verstehen. Dass sie heute als Disziplin unter anderen Disziplinen innerhalb der Geisteswissenschaften verortet wird und als solche ein immer größeres Nischendasein fristet, ist angesichts der in ihr steckenden Möglichkeiten und ihrer geschichtlichen Bedeutung eine arge Verkürzung.
Mal abgesehen davon, dass Philosophie in der Geschichte ganz anders aufgefasst wurde, z.B. als Fundament und Ausgangspunkt aller anderen Einzelwissenschaften oder als Bildungsweg zur Weisheit und mithin als Lebenskunst, vertreten wir im Begleitstudium ein sehr weites Verständnis von Philosophie: Sie bietet uns vor allem die Inspirationen und das Material für ein humanistisch verstandenes Studium generale, das Bildung weniger als Wissensanreicherung sondern vielmehr als Fähigkeitsbildung versteht. Es geht darum, ein vertieftes und bewegliches Denken auszubilden, das Wahrnehmen zu schulen und gesprächsfähig zu werden. Neben den klassischen philosophischen Inhalten beziehen wir auch Literatur und Kunst mit ein. In diesem Sinne wird die Philosophie zur Gesprächspartnerin für eine Bildung zur Menschlichkei
© Bild: Johanna HueckKSG: Viele Menschen verbinden Philosophie mit abstrakten Theorien. Kann Philosophie Orientierung geben oder helfen, sich selbst besser zu verstehen?
JH: Dass wir Philosophie mit abstrakten Theorien verbinden, ist ein Erbe des Denk- und Wissenschaftsbegriffes des 19. Jahrhunderts. Es gibt aber, wie erwähnt, eine viel ältere Tradition, die die Philosophie seit der Antike nicht als Ansammlung von Theorien, sondern als Lebenskunst versteht. Die Fragen der Philosophie sind ja zumeist leidenschaftliche Fragen an die Existenz Gottes, der Welt und des Menschen. Die Texte der Philosophinnen und Philosophen beschäftigen sich auf sehr individuelle Weise und natürlich von der jeweiligen Epoche geprägt mit den Denkvoraussetzungen, die unserem Welt- und Menschenbild zugrunde liegen und unser gesamtes Handeln bewusst oder unbewusst prägen. Wir decken durch die Beschäftigung mit Originaltexten der Philosophie diese Voraussetzungen unseres eigenen Denkens und Handelns auf und lernen dabei, uns individuell und kulturell besser zu verstehen, zu orientieren und im Besten Falle ermutigt zu sein, die Gestaltungsaufgaben der Gegenwart zu ergreifen.
KSG: Das Begleitstudium trägt den Titel „Denkwürdig!“. Was bedeutet dieser Begriff für Sie? Wann wird eine Frage oder ein Gedanke tatsächlich „denkwürdig“?
JH: Der Titel beinhaltet ein Doppeltes: Zum einen weist er darauf hin, dass es – wie Sie sagen – Fragen und Gedanken gibt, die denkwürdig sind. Zum anderen sagt er aus, dass das Denken selbst eine Würde hat, die manchmal vielleicht allzu leicht übersehen wird.
Denkwürdig im ersteren Sinne sind aus unserer Sicht vor allem die Grundfragen, die gleichsam „unter“ den Fragen und Herausforderungen des Alltags liegen. Zum Einstieg in das Begleitstudium versuchen mein Kollege Fabian Warislohner und ich mit den Studierenden zusammen zu verstehen, was eine philosophische Frage zu einer philosophischen Frage macht. Wir arbeiten Grundfragen heraus, die nach dem Wesentlichen fragen, über die bloße Meinung und oft auch über ganze Zeitepochen hinausreichen und mich doch als Individuum betreffen, gerade weil sie auf das Eigentliche zielen. Solche Fragen sind denkwürdig.
Aber auch das Denken selbst hat eine Würde. Dabei lehrt uns die Philosophie, dass die Würde des Denkens weniger im Wissen von einzelnen Fakten liegt – zumal dieses ja immer stärker ausgelagert werden kann – sondern in der Möglichkeit, einmal gefällte Urteile wieder aufzulösen, neu hinzuschauen, Fremdes und Ungewöhnliches zu denken und dabei zu bemerken, wie kreativ, belebend und gleichzeitig verbindend ein gemeinsamer Vollzug des Denkens sein kann.
Es geht darum, ein vertieftes und bewegliches Denken auszubilden, das Wahrnehmen zu schulen und gesprächsfähig zu werden.
Johanna Hueck
KSG: Wahrheit ist ein zentraler Begriff der Philosophie. Gleichzeitig erleben wir eine Zeit, in der Wahrheit oft relativ erscheint. Wie kann man heute noch sinnvoll über Wahrheit sprechen?
JH: Wir widmen der Wahrheitsfrage im Begleitstudium ein ganzes Wochenende, gerade weil sie einerseits als Anspruch jeglicher Aussage, die wir treffen, zugrunde liegt – sonst würden wir nicht erwarten, dass andere Menschen den Sinngehalt dieser Aussage verstehen können – andererseits so sehr in Frage steht, wie vielleicht noch nie in der Geschichte.
Ich denke, dass es sinnvoll sein kann, einen Einblick in die Geschichte des Wahrheitsbegriffes in der westlichen Kultur zu erhalten, um zu begreifen, warum wir hinsichtlich der Wahrheit heute da stehen, wo wir stehen. Dass Wahrheit erst durch die Entfremdung von religiösen Fragen, durch die Distanzierung von der Welt und letztlich in gewisser Weise auch durch den Verlust des eigenen Selbstes in Frage stehen kann, wird aus einer solchen historischen Betrachtung einsichtig.
Von da ausgehend könnte man die Frage stellen, ob Wahrheit heute nicht mehr von einer wie auch immer gearteten Autorität gesetzt, sondern nur von einer Gemeinschaft von Menschen als vielleicht nur momenthaft erahnbare aber immer angestrebte Einsicht in einem gemeinsamen Erkenntnisvollzug hervorgebracht werden kann.

KSG: In Ihrem Begleitstudium treffen Menschen aus unterschiedlichen Fachrichtungen aufeinander. Welche Bedeutung hat diese Vielfalt für den philosophischen Dialog?
JH: Die Rückmeldung der Studierenden zeigen immer wieder, wie wertvoll der Austausch über die Fachrichtungen hinaus ist. Es geht dabei vielleicht weniger darum, dass unterschiedliche fachliche Kenntnisse in die Gespräche eingebracht werden, sondern vor allem um die Wahrnehmung unterschiedlicher Denkkulturen und Lebensrealitäten, wie sie die jeweiligen Disziplinen und Ausbildungswege prägen. Was die Studierenden vereint, ist das enttäuschende Gefühl, dass die Fachstudien an den großen und grundlegenden Fragen oft vorbeigehen.
Sie sollten die Fähigkeit mitnehmen, mit offenem, fragendem Blick in die Welt zu gehen und nicht nur die schnellen Antworten zu suchen.
Johanna Hueck
KSG: Sie beschäftigen sich intensiv mit der Philosophiegeschichte. Welche Fragen haben Sie persönlich immer wieder begleitet?
JH: Ja, die Philosophiegeschichte ist das wesentliche Fundament, auf dem die Inhalte des Begleitstudiums ruhen. Wir erleben immer wieder, dass das geschichtliche Bewusstsein, also das Einsehen in die Genese bestimmter Gedanken und Weltanschauungen, die unser heutiges Weltverständnis prägen, eine verwurzelnde und identitätsbildende Funktion für die Teilnehmenden des Begleitstudiums hat. Dabei geht es einerseits darum zu verstehen, woher wir mit unserem westlich-europäischen Wissenschaftsverständnis kommen und andererseits zu bemerken, dass man auch noch ganz anders denken kann, als das in der Geschichte der Fall war und dass insofern auch die Denkmöglichkeiten für die Zukunft offen stehen. Das verwurzelt von der Vergangenheit her und ermutigt zugleich zur Zukunft.
Mich selbst bewegt dabei, bestimmte historische Wendepunkte, Krisen und Entscheidungsmomente besser zu verstehen. Außerdem finde ich es spannend darüber nachzudenken, inwiefern wir heute vielleicht über den in der Geschichte mehrfach beschworenen Tod der Philosophie und deren Auferstehung in noch ganz anderen und neuen Formen nachzudenken haben.
KSG: Wenn junge Menschen aus dem Begleitstudium gehen, was sollten sie idealerweise mitnehmen?
JH: Sie sollten die Fähigkeit mitnehmen, mit offenem, fragendem Blick in die Welt zu gehen und nicht nur die schnellen Antworten zu suchen. Sie haben ihr Denken an Texten und Fragen geschult, die uns in unserem gegenwärtigen Alltag zunächst fremd erscheinen und uns deshalb ermöglichen, aus gewohnten und womöglich eingefahrenen Denkbahnen herauszutreten und im besten Falle das Denken zu verwandeln. Sie haben gelernt, im Gespräch hinter Meinungen und Worte zu hören und die tiefer liegenden und oft gar nicht so widersprüchlichen Gedanken der Anderen wahrzunehmen und darauf einzugehen. Und sie haben ein geschichtliches Bewusstsein entwickelt, das sie ermutigt, Zukunft zu gestalten. All dies sind wichtige Fähigkeiten für Menschen, die in unserer gegenwärtigen Welt Verantwortung übernehmen wollen.
Wir sagen herzlich Danke für das Interview, das Dr. Sofia Delgado führte.
Wer nun über eine Teilnahme an „Denkwürdig!“ nachdenkt, findet hier weitere Informationen zum Begleitstudium. Begleitstudium - Philosophisches Seminar
Anmeldungen für das kommende Semester 2026/2027 sind voraussichtlich ab Juni 2026 möglich.