In einer Zeit, in der Antworten nur einen Klick entfernt sind, wird eine Fähigkeit immer kostbarer: die Fähigkeit, innezuhalten, zu fragen und wirklich nachzudenken. Dazu kommt noch, dass Fachwissen allein nicht mehr genügt, um die komplexen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen.
Gefragt sind Menschen, die Zusammenhänge erkennen, unterschiedliche Perspektiven einnehmen und verantwortungsvolle Entscheidungen treffen können. Doch genau diese Fähigkeiten kommen in Studium und Ausbildung häufig zu kurz.
Zwischen Lernen, Leistungsdruck und permanenter Informationsflut bleibt dafür oft wenig Raum. Genau hier setzt das von der Karl Schlecht Stiftung geförderte Begleitstudium „Denkwürdig!“ des Philosophischen Seminars e.V. in Stuttgart an. Das Programm richtet sich an junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren, die sich nicht mit schnellen Antworten zufriedengeben wollen. In fünf intensiven Wochenendseminaren setzen sich die Teilnehmenden mit zentralen Themen der Philosophie auseinander: Was ist Wahrheit? Wie entsteht Erkenntnis? Was bedeutet Freiheit und Verantwortung? Und wie gelingt Orientierung in einer Welt, die zunehmend von Komplexität und Beschleunigung geprägt ist?
Johanna Hueck \ © Bild: Johanna HueckBegleitet werden sie dabei von der Philosophin Dr. Johanna Hueck (Link zu ihrem Interview) und ihrem Kollegen Fabian Warislohner. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Auswendiglernen philosophischer Theorien, sondern die gemeinsame Suche nach Erkenntnis und die Entwicklung eines eigenständigen Urteilsvermögens.
Für die Karl Schlecht Stiftung fügt sich das Begleitstudium damit in ein zentrales Anliegen ihrer Förderarbeit ein: die Entwicklung verantwortungsbewusster Persönlichkeiten, die bereit sind, Führung im Sinne des Gemeinwohls zu übernehmen. Philosophie als Lebenskunst erfahrbar machen, als Werkzeug, um die eigene Haltung zu schärfen, Verantwortung zu übernehmen und Orientierung zu gewinnen.
Jakob WIlleke \ © Bild: Jakob WIllekePhilosophie als Schule des Denkens
Für viele Teilnehmende ist gerade diese Verbindung von persönlicher Entwicklung und intellektueller Herausforderung ein entscheidender Anreiz. „Philosophie stellt die Fragen, deren Beantwortung oftmals gleichzeitig unmöglich, aber gerade deshalb immens interessant ist. Es sind die Fragen danach, wer oder was ich bin, was die Welt ist, was der Sinn ist und was es heißt, Mensch zu sein. Diese Fragen und die Auseinandersetzung mit ihnen waren mein Antrieb. Was wäre ein Leben, ohne diese Fragen zu betrachten? In der Studien- und Arbeitswelt kamen sie bei mir zu kurz“, sagt Jakob Willeke, ehemaliger Teilnehmer. Er hat Volkswirtschaft und Politikwissenschaft studiert und nach seinem Studium die „Purpose Gruppe“ mit aufgebaut. Sie beschäftigt sich mit einem alternativen Wirtschafts- und Eigentumsmodell, das als Steward Ownership (deutsch: Verantwortungseigentum) bezeichnet wird. Ziel der Initiative ist es, Unternehmen so zu organisieren, dass sie langfristig ihrem Unternehmenszweck dienen und nicht primär der Gewinnmaximierung für Eigentümer. Jakob Willike möchte dazu beitragen, die Wirtschaft gesellschaftsdienlicher durch zukunftsfähige Eigentumsstrukturen zu gestalten. Dazu hilft auch eine Vertiefung in die Philosophie. Impulse aus dem Kurs, so sagt er, konnte er bereits in seiner Arbeit als Berater und Unternehmer einbringen. Denn so wie die Philosophie den Menschen beeinflusst, verändert sie auch seine Arbeit.
„Es sind die Fragen danach, wer oder was ich bin, was die Welt ist, was der Sinn ist und was es heißt, Mensch zu sein“
Jakob Willeke, ehemaliger Teilnehmer
Eureka Wagner \ © Bild: Eureka WagnerAus unterschiedlichen Perspektiven einen Blick auf die Philosophie werfen
Besonders wertvoll bei dem Projekt Denkwürdig! ist die Vielfalt der Perspektiven. Menschen aus unterschiedlichen Studienrichtungen, Ausbildungswegen und beruflichen Hintergründen kommen zusammen und bringen ihre jeweiligen Denk- und Lebenserfahrungen in die Diskussionen ein. Dadurch entstehen Gespräche, die weit über fachliche Grenzen hinausgehen. Die Teilnehmenden erleben, dass philosophisches Denken keine abstrakte Disziplin ist, sondern unmittelbar mit gesellschaftlichen Herausforderungen verbunden bleibt: mit Fragen nach Demokratie, Verantwortung, Wahrheit und Zusammenhalt in einer zunehmend polarisierten Welt.
„Philosophie befasst sich mit einem ähnlichen Gegenstand wie mein Fach Psychologie: dem Menschen. Dennoch sind Ihre Zugänge Welten voneinander entfernt. Während die heutige Psychologie meist mit Fragebögen und komplexer Statistik versucht, einzelne Erkenntnisfragmente aus der Empirie zu ziehen, widmet sich die Philosophie vielmehr den großen Fragen: Was bedeutet Technik für uns essenziell? Diese Öffnung meines Blickfelds ermöglicht es mir, kritischer gegenüber der Psychologie (ohne sie ganz abzulehnen) und offen für alternative Forschungsansätze wie die qualitative Forschung oder die interkulturelle Psychologie zu sein“, erklärt Eureka Wagner, wie ihre Teilnahme den Blick auf ihr eigenes Fachgebiet verändert hat. Beruflich möchte sie in Zukunft im Bereich Mensch – Technik arbeiten. Deshalb wird sie nach ihrem Psychologiestudium ihren zweiten Master in „Interdisciplinary Computing“ absolvieren. Da sie in der Psychologie bisher keine zufriedenstellenden Antworten finden konnte, will sie weiterführend den Menschen aus dem Blickwinkel anderer Disziplinen betrachten.
„Was bedeutet Technik für uns essenziell? Diese Öffnung meines Blickfelds ermöglicht es mir, kritischer gegenüber der Psychologie (ohne sie ganz abzulehnen) und offen für alternative Forschungsansätze wie die qualitative Forschung oder die interkulturelle Psychologie zu sein“
Eureka Wagner, ehemaliger Teilnehmerin
Das Begleitstudium macht ähnliches, es möchte junge Menschen dazu ermutigen, nicht nur Antworten zu konsumieren, sondern eigene Urteile zu entwickeln und diese immer wieder kritisch zu hinterfragen. Philosophisches Denken beginnt dabei mit dem Staunen und der Bereitschaft, Gewissheiten aufzulösen und neue Perspektiven zuzulassen. Gerade diese Offenheit für andere Sichtweisen und die Fähigkeit zum Dialog werden für zukünftige Führungskräfte und gesellschaftliche Verantwortungsträger immer wichtiger.
„Durch die Teilnahme am Begleitstudium habe ich die Philosophie bzw. die Denkräume, die die beiden Dozierenden für uns eröffnet haben, als etwas erlebt, was viel Begeisterung und Neugier in mir ausgelöst hat. Ich weiß gar nicht, ob ich vorher einen bestimmten Blick auf die Philosophie hatte. Das gemeinsame Nachvollziehen von Denkbewegungen von Philosoph*innen der Vergangenheit und Aktualität habe ich, als etwas sehr Lebendigkeit-Stiftendes erlebt“, schildert Nora Wörner ihre Eindrücke. Sie arbeitet als Sozialpädagogin in der Kinder- und Jugendhilfe. Für sie gab es viele Momente im Austausch mit den anderen Teilnehmenden, die sie berührt haben. Besonders in Erinnerung ist ihr eine Passage aus einem Hannah Arendt Text geblieben: Verstehen ist ein unendlicher Vorgang, durch den wir versuchen, uns mit der Wirklichkeit zu versöhnen.
Die Philosophie beginnt traditionell mit dem Staunen oder wie es Dr. Johanna Hueck formuliert: Es geht darum, „mit offenem, fragendem Blick in die Welt zu gehen und nicht nur die schnellen Antworten zu suchen“. Dass die Teilnehmer dabei neue AHA-Momente erleben, ist gewünscht und beabsichtigt. „Ich hätte nie gedacht, dass reines Denken in einem gesunden Setting, geführt durch professionelle LeiterInnen, so glücklich machen kann. Ich habe mich durch das Denken in diesem Setting als Mensch neu und vertieft wahrgenommen“, resümiert Jakob Willeke.
Interessierte können sich für das kommende Semester 2026/2027 voraussichtlich ab Juni 2026 anmelden.



